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Etwas ist seltsam, sogar in der Luft!

Shukri Al Rayyan
© Ahmad Al Rayyan, Etwas ist seltsam, sogar in der Luft!, Mixed Media (2022). Auf der Grundlage des originalen Gemäldes mit dem Titel: Order. Kopierstift auf Leinwand. (2019)

(Auszug aus „Fear’s Tale“, dem ersten Teil der Romantrilogie „Syrian Tales“)

1

Als Jawad in sein Zimmer trat, hatte er nur noch den Wunsch zu schlafen und sich so viel wie möglich von Lamis‘ Rosenduft ins Gedächtnis zurückzurufen. Aber als er auf den kleinen Schrank in der Zimmerecke blickte, in den er die Tasche gelegt hatte, verspürte er eine innere Unruhe und wusste, dass der Schlaf nicht so einfach kommen würde. Der Gedanke daran, wie Lamis reagieren würde, wenn sie davon erführe, machte die Sache nur noch schlimmer. Was würde sie von ihm denken? Lamis hatte ihm in den vergangenen Stunden ein Gesicht gezeigt, das er absolut nicht erwartet hatte. Aber vielleicht hatte auch sein Versuch, ihr gegenüber Abstand zu halten, dazu geführt, dass er sich ein Bild von ihr gemacht hatte, das diese Distanz rechtfertigte. Die überwältigende Wirkung dieser Frau brachte jeden Mann dazu, ganz gleich, wie zurückhaltend er war, ihr wenigstens ein kleines Zeichen zu senden, um ein bisschen Selbstachtung zu behalten. Jetzt jedoch, als Lamis ihm so nah gekommen war, wie er es sich nie hätte träumen lassen, war sein Bild von ihr total auf den Kopf gestellt worden.

Selbst was er auf jeden Fall von ihr erwartet hatte, war nicht geschehen: Sie hatte ihren Verwandten weder herbeigeholt noch ihn erwähnt oder auch nur versucht, ihn anzurufen, obwohl sie ihn sicher gebraucht hatte. Ihre aufrichtige Sorge und das ungewöhnliche Vertrauen zu ihm zwangen ihn nun, ein Verhalten zu rechtfertigen, das bestenfalls beschämend war, noch dazu in einer Sache, die auch sie etwas anging.

Wahrscheinlich würde mit der Zeit und dem zweifelsohne notwendigen Abstand von ihr diese Verstimmung nachlassen. Aber in seinem Innersten spürte er, dass die Geschehnisse der letzten beiden Tage nur der Anfang der wohl schönsten Zeit seines Lebens sein würden – und die im kleinen Schrank in der Zimmerecke versteckte Tasche nichts anderes als Unheil, das auf dem Weg zum lang ersehnten Glück auf ihn lauerte. Dieses Mal trog ihn sein Gefühl nicht, denn als er sich auf sein Bett gesetzt und einen prüfenden Blick auf den Eckschrank geworfen hatte, klingelte das Handy und auf dem Display erschien ihr Name.

2

Er konnte nicht einschlafen, auch wenn sie ihm am Ende des Telefonats lachend aufgetragen hatte, gleich zu schlafen. Woher hatte sie nur dieses Vertrauen? Sie hatte die Distanz, an der er so lange festgehalten hatte, einfach überwunden, wie jemand, der den Weg schon vorher gekannt hatte. Es war, als würde sie sich in einem Raum bewegen, der ihr allein gehörte, davon überzeugt, dass sie alles von ihm verlangen konnte, was sie wollte, und er es tun würde. Und er würde nicht zögern – aber wie sollte er überhaupt etwas tun können, wo doch alles so auf einmal und ohne jegliche Vorwarnung über ihn hereingebrochen war?

Viele Jahre hatte er nicht viel vom Leben gehabt, hatte keinerlei Initiative ergriffen, um aus dem Kreis auszubrechen, in dem er sich gefangen fühlte, nachdem er das Studium beendet, den Militärdienst absolviert und zu arbeiten angefangen hatte. Er war in seiner ersten Arbeitsstelle hängengeblieben. Zu seiner Zeit war es noch für alle Ingenieure verpflichtend, nach dem Studium eine Weile für den Staat zu arbeiten. Er wusste, dass er erst einmal irgendein monatliches Gehalt bekommen musste, bevor er sich nach einer anderen Perspektive umschauen konnte. Doch die war nirgendwo zu sehen und so verwandelte sich diese Stelle in eine Falle. Er gab sich mit der langen Arbeitszeit und den noch längeren Jahren in einem Werk für Kühlschränke vom Typ Barada zufrieden, bis sein Bruder Nabil einmal auf Urlaub kam. Er kannte zufällig eine einflussreiche Person im Industrieministerium und sorgte dafür, dass Jawad dorthin wechselte. Die kürzeren Arbeitstage gaben ihm die Gelegenheit, nach einer Möglichkeit zu suchen, sein Einkommen aufzubessern. Nabil war es auch, der ihm den Nebenjob bei seinem Studienfreund Aiman verschafft hatte. Nun schien er zu denken, seine Pflicht gegenüber seiner Familie erfüllt zu haben, indem er dafür gesorgt hatte, dass einer von ihnen mit zwei Jobs und zwei Gehältern für ihren Lebensunterhalt sorgen konnte. Außerdem hatte er sich dadurch der ständigen Quengelei entledigt, seinem Bruder ein Visum zu verschaffen, damit er in Doha arbeiten konnte. Jawad konnte doch seine Mutter und seine Schwester nicht einfach so allein lassen!

Er war mit einem Halfter um den Hals angebunden. So beschrieb er sich gern selbst. Gefangen in einem Kreis und längst ohne Hoffnung, aus ihm auszubrechen, um nach einem neuen Leben zu suchen. Sein Privatleben beschränkte sich auf dieses enge Zimmer. Selbst das Zimmer von Adil, Nabils Sohn, war größer als seins! Den Gedanken an Liebe oder gar Heirat hatte er nicht nur aufgeschoben, sondern gestrichen. Welche Frau wollte schon als dritte Frau neben einer Mutter und einer Schwester leben, die aus dem Heiratsalter heraus war? Er hatte es dem Leben überlassen, ihn knausrig und mit finsterer Miene irgendwohin zu schieben. Und als er nun endlich einmal einen Entschluss gefasst hatte, den ersten in seinem ganzen Leben, lächelte es ihm erneut zu, jedoch mit beißender Ironie.

3

In den nächsten Tagen überstürzten sich die Ereignisse mit schwindelerregender Schnelligkeit. Vor seinen Augen veränderte sich alles. Selbst jene, die er kannte oder zu kennen geglaubt hatte, änderten sich oder zeigten sich ihm von einer Seite, die er nicht gekannt hatte. Etwas war seltsam, sogar in der Luft! Selbst die Leute auf der Straße liefen anders durch die Gegend als in den vergangenen Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten.

Man musste nicht lange überlegen, um das zu verstehen. Die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz in Kairo ließen alle Menschen in Syrien nachts lange aufbleiben, um das Ende einer Serie mitzuerleben, die direkt und in großer Nähe zu ihren Herzen übertragen wurde. Es war nicht eine dieser Serien, bei denen sie gewöhnlich einschliefen. Sie sprach ihnen aus ihren Seelen, deren Sehnsucht zu fliegen sie überraschte … Es gab keine polierten Filmstars, die aus dem Alltag der Menschen nur die Form gestohlen hatten und sie ihnen mit der Aufforderung zurückgaben, sie sollten dankbar sein, dass sie sich zu dem Versuch herabgelassen hatten, ihnen zu ähneln. Alles dort war real und wirklich, selbst die Leute, die mit ihren Körpern große Blöcke bildeten und sich zuerst mit der Stimme ausdrückten, aber dann bald bewiesen, dass sie nicht gekommen waren, um allein ihre Stimmen ertönen zu lassen. Die auf dem Platz Versammelten ähnelten ihnen in einer Weise, die es schwer machte, einen Unterschied zwischen ihnen wahrzunehmen. Der Bildschirm brachte selbst den Schweißgeruch ins Zimmer! Alles war so unbeschreiblich, dass man nicht mehr wusste, ob man vor dem Bildschirm saß oder mitten im Geschehen war. Doch Jawad und vielen anderen steckte ein Kloß im Hals und sie verspürten eine tiefsitzende Angst. Die Menschen dort würden eine Niederlage erleiden, Ägypten war nicht Tunesien und Israel war ganz in der Nähe. Diese und andere Ängste und Hoffnungen kamen und schwanden in verwirrender Weise … bis der Präsident gestürzt wurde …

Die Tage vor und nach dem Sturz waren ungewöhnlich. Jawad hatte Lamis zum ersten Mal außerhalb der Arbeit getroffen, einfach nur, weil sie Zeit miteinander verbringen wollten. Er hatte entdeckt, wie anders Adil geworden war und dass er ihn nicht wirklich gekannt hatte. Ihm war bewusst geworden, wie falsch seine Meinung vom Leben und von sich selbst gewesen war. Und er hatte sich eingestanden, verliebt zu sein, und brachte sogar den Mut auf, es auszusprechen. Lamis hatte ihm gesagt, sie habe schon von Anfang an Gefühle für ihn gehabt. Als sie hinzufügte, der Grund dafür sei ihr Vertrauen in ihn, in seine Fähigkeiten und seine Ehrlichkeit, wandte er erschrocken und überrascht den Blick ab.

 

– Being a BurgdorferLesenBeing a Burgdorfer
– Hinein in den KühlschrankLesenالدخول إلى الثلاجة

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