Weiter Schreiben -
Der Newsletter

So vielstimmig ist die Gegenwartsliteratur.
Abonnieren Sie unseren Weiter Schreiben-Newsletter, und wir schicken Ihnen
die neuesten Texte unserer Autor*innen.

Newsletter abonnieren
Nein danke
Logo Weiter Schreiben
Menu
Suche
Fr | It
Logo Weiter Schreiben
Menu

Hinein in den Kühlschrank

Shukri Al Rayyan

 

Weiter schreiben Schweiz, © Ahmad Al Rayyan, Titel:Hinein in den Kühlschrank,Mixed Media (2022), Romanauszug, Shukri Al Rayyan
© Ahmad Al Rayyan, Titel: Hinein in den Kühlschrank, Mixed Media (2022) auf der Grundlage des Orignalgemäldes mit dem Titel: Who's in. Brauner Kopierstift auf Leinwand. (2018 )/ Kunsthaus Centre d'art Pasquart Biel

(Auszug aus „Fear’s Tale“, dem ersten Teil der Romantrilogie „Syrian Tales“)

1

Als Jawad die Bürotür aufschließen wollte, war seine größte Sorge, Aiman, dieser bösartige Kerl, könnte seinen Schlüssel von innen ins Schloss gesteckt haben, um zu verhindern, in einer unpassenden Situation überrascht zu werden. Dazu muss man allerdings sagen, dass Aiman jemand war, bei dem nichts in irgendeiner Weise passend war, weder das Verhältnis zwischen seinem Gewicht von mehr als 120 Kilogramm und seiner Größe von einem Meter siebzig, noch sein Benehmen, das im besten Fall unhöflich zu nennen war und zwar gegenüber allen. Das schien ihm aber völlig gleichgültig zu sein und er bemühte sich nur dann um ein einigermaßen passendes Verhalten, wenn er auf Nadia lag, der Sekretärin aus dem gegenüberliegenden Büro.

Jawad konnte sich Aiman und Nadia nur in dieser einen Situation vorstellen. Der Gedanke daran, wie die beiden zu einem einzigen riesigen Fleischberg verschmolzen, erregte in ihm Übelkeit. Eine gewisse Übelkeit verdarb ihm ohnehin von Zeit zu Zeit die Laune, doch seit er in Aimans Büro zu arbeiten begonnen hatte, wurde es aus vielerlei Gründen immer noch schlimmer. Die sexuellen Eroberungen seines Chefs waren nur einer davon.

Während Jawad also den Schlüssel ins Schloss steckte, stellte er sich frustriert den Rest des Szenarios vor. Er würde versuchen, den Schlüssel herumzudrehen, dieser würde sich nicht bewegen. Bei einem erneuten Versuch würde er etwas Lärm machen, dann würde er den Schlüssel wieder herausziehen und zum Fahrstuhl am Ende des Ganges gehen. Das würde Aiman Gelegenheit geben, seine Unterhose anzuziehen und zur Tür zu eilen, um sie einen Spalt zu öffnen. Vorher würde er sich durch den Spion vergewissern, dass niemand vor der Tür stand. Dann würde er seinen kleinen Kopf auf den Gang hinaus stecken und Jawad zunicken. Hüstelnd würde er sagen, er habe ein Nickerchen gemacht und deshalb die Tür verschlossen, so als wüsste er nicht, dass Jawad erneut zum Büro laufen und Nadia im Vorraum hinter der Tür dabei antreffen würde, sich eilig das Kopftuch zurechtzurücken. Sie würde schnell das Büro verlassen und verlegen sagen: „Ich komme später wieder, um das Büro sauberzumachen, Herr Aiman.“ Dabei würde sie Jawad einen Blick aus den Augenwinkeln zuwerfen und mit einem listigen Lächeln hinzufügen: „Es scheint, ihr habt jetzt zu tun.“

Dieses Lächeln machte ihn wütender als alles andere in dieser absurden Situation. Am Ende dachte Nadia vielleicht noch, er sei genauso scharf auf sie wie sein Chef! Dieser Gedanke war besonders schlimm angesichts all der Erniedrigungen, von denen es in seinem Leben nicht gerade wenige gab. Welcher Idiot würde schon etwas von diesem „großen Stück Scheiße“ wollen, wie er sie Aiman gegenüber nannte. Der provozierte ihn ganz bewusst mit einem durchtriebenen, zweideutigen Lächeln, mit dem er andeutete, Jawad habe es tatsächlich auf Nadia abgesehen. Das führte dazu, dass Jawad bei ihrer Beschreibung Grenzen überschritt, die seiner Meinung nach eigentlich keiner Frau gegenüber überschritten werden durften, aus welchem Grund auch immer. Aiman brach in schallendes Gelächter aus, wenn er diesen Ausdruck hörte, als würde er Jawad nur deshalb provozieren, damit er genau solche Worte benutzte, um Nadia zu beschreiben. Das erregte bei Jawad noch mehr Abscheu und Ekel. Nicht nur, weil Aiman eine Frau, mit der er schlief, so wenig achtete, dass er einen jungen Mitarbeiter sich derart über sie äußern ließ, nein, diese Missachtung betraf Jawad auf die eine oder andere Weise auch selbst, denn Aiman achtete ganz einfach niemanden. Er provozierte jeden, den er vor sich hatte, schlecht über andere zu reden, ganz gleich, in welchem Verhältnis er sich selbst zu ihnen befand. So bestärkte er sich in seiner krankhaften Überzeugung, besser zu sein als alle anderen. Jawad ärgerte sich auch deshalb, weil Aiman glaubte, dass er etwas hatte, um das ihn Jawad und andere beneideten. Wer weiß, vielleicht würde dieser Idiot auch Nadia noch davon überzeugen – viel würde es dafür nicht brauchen –, dass sie für Jawad und unzählige andere junge Männer die Frau ihrer feurigen Träume war. Wahr war allerdings leider, dass Träume, zusammen mit Pornofilmen, für Jawad in all den fünfunddreißig Jahren seines Lebens der einzige Trost waren, da es auch nicht die geringste Hoffnung für ihn gab, sich tatsächlich einer Frau nähern zu können.

Als sich der Schlüssel im Schloss entgegen aller Erwartung doch umdrehen ließ und die Tür sich öffnete, war Jawad etwas erleichtert. Nun konnte er das erledigen, wofür er in der Mittagspause ins Büro gekommen war. Aiman wusste, dass es dringende Gründe für Jawads Botengänge gab. Deshalb unterbrach er manchmal seine Eroberungen, auch wenn er gerade kurz davor war, einen überwältigenden Sieg zu erringen, begleitet von ein paar Stöhnlauten, die er mühsam unterdrückt hätte. Denn wer konnte wissen, ob nicht in einem der angrenzenden Büros jemand anwesend war! Eilig würde er zur Tür laufen, um zu sehen, wer draußen stand. War es Jawad, konnte Aiman den „Sieg“ auf später verschieben, denn er wollte die Arbeit seines fleißigsten – und übrigens außer ihm selbst und seiner Sekretärin Lamis einzigen – Mitarbeiters nicht behindern. Lamis war für Aiman der Beweis dafür, dass er Arbeit und Vergnügen nicht miteinander vermischte. Er bestand darauf, sie nur als Sekretärin zu behandeln, ohne auch nur im Geringsten etwas anzudeuten, das über diese Rolle hinausgegangen wäre. Er hatte sie nämlich nur eingestellt, weil sie mit dem Leibwächter einer bedeutenden Persönlichkeit verwandt war und Aiman davon träumte, dass sein Name, wenn auch nur flüchtig, gegenüber dieser Persönlichkeit erwähnt würde. So wagte er es nicht, Lamis auch nur anzusehen, noch nicht einmal flüchtig. Trotz des himmelweiten Unterschieds, der zwischen ihr und Nadia in jeder Hinsicht bestand.

Jawad betrat das Büro und ging zu seinem Zimmer, das sich neben Aimans befand. Er wollte die Unterlagen holen, die er brauchte, und schnell wieder aufbrechen, um keine Zeit zu verlieren. Doch da sah er Aiman hinter seinem Schreibtisch sitzen, den Kopf an die Stuhllehne gelehnt. Lächelnd begriff er, dass Aiman dieses Mal tatsächlich ein Nickerchen machte und deshalb den Schlüssel nicht ins Schloss gesteckt hatte. Er ging schnell in sein Zimmer, nahm die Akte und trat wieder hinaus in den Vorraum. Dort erinnerte er sich, dass er Aiman etwas fragen musste. Es war nicht sonderlich wichtig, doch er beschloss, das gleich zu tun, bevor er sich am Abend mit einem potentiellen Kunden traf und danach ins Büro zurückkam. Er kehrte um und ging mit einem breiten Lächeln in Aimans Zimmer. Es würde Spaß machen, ihn aus seinem Nickerchen zu wecken und ihm als kleine Rache für sein unmögliches Benehmen gegenüber allen und jedem etwas Unbehagen zu bereiten.

Mit einem Hüsteln betrat er das Zimmer und erwartete, dass Aiman aufwachen und sich sein anfänglicher Schreck in sichtliches Missfallen verwandeln würde. Er bemühte sich, sein Lächeln soweit es ging zu verbergen. Aber Aiman bewegte sich nicht. Jawad ging zum Schreibtisch und beschloss, ihn leicht an der Schulter zu rütteln. Noch ahnte er nicht, dass Aiman aus diesem Nickerchen nicht mehr aufwachen würde. Doch bevor er den Stuhl erreichte und ihm dies schlagartig bewusst wurde, entdeckte er unter dem Schreibtisch eine große Reisetasche. Der geöffnete Reißverschluss gab den Blick auf Geldbündel frei, die aus 1.000-Lira-Scheinen bestanden. Die Tasche war sehr groß und da es sich um Bündel mit jeweils 100.000 Lira handelte, war er sich sicher, dass dort mehr als zehn Millionen Lira lagen.

 

2

Jawad zog die schwere Tasche hinter sich her und als er an den Eingang des Gebäudes gelangte, spürte er einen kalten Luftzug durch die geöffnete Glastür streichen. Erst da wurde ihm klar, dass er eine Entscheidung treffen musste, ob er weitergehen oder ins Büro zurückkehren sollte. In den zwanzig Minuten seit der Entdeckung des Geldes neben dem toten Aiman hatte er nur die Sorge gehabt, jemandem aus den Nachbarbüros zu begegnen, der ihn dabei beobachten könnte, wie er das Büro mit der Tasche verließ. Er hatte Glück gehabt. Nun stand er an der Tür und hatte nur wenig Zeit, um sich zu entscheiden.

Die letzten zwanzig Minuten waren die längsten seines ganzen Lebens gewesen. Jawad hatte nach dem Schock über Aimans Tod fast automatisch gehandelt. Er hatte ihn an der Schulter gerüttelt, dabei war sein Kopf nach vorn gekippt und er wäre fast vom Stuhl gefallen. Jawad hatte den Körper eilig und unter großer Anstrengung wieder in seine ursprüngliche Position gebracht. Nachdem ihm das mit viel Mühe gelungen war, griff er sofort nach dem Telefon. Aber wen sollte er anrufen?

Aiman war vor sechs Monaten von seiner dritten Frau geschieden worden. Er hatte die gemeinsame Wohnung verkauft, noch bevor die Scheidungspapiere auf dem Tisch lagen. Seine Frau war in die Wohnung ihrer Eltern zurückgekehrt, zornig über einen erneuten Ehebruch, den sie zufällig entdeckt hatte. Sie war davon ausgegangen, dass er sie nach einer Weile um Verzeihung bitten würde. Er jedoch hatte sie – wie schon die Frauen vor ihr – damit überrascht, dass er die Wohnung verkaufte, damit sie keine Forderungen an ihn stellen und nicht den ihr nach einer Scheidung zustehenden Anteil des Brautgeldes verlangen konnte. Die Wohnung wäre das Erste, was die betrogene Frau aus dem Netz aus Aimans Besitztümern und Immobilien fordern würde, von dem selbst der mächtigste aller Dschinn nicht wusste, wie er es betreten und wie und mit welchem Ergebnis er wieder aus ihm herauskommen konnte - vorausgesetzt, es würde ihm überhaupt Einlass gewährt.

Sollte er die Familie anrufen? Außer zwei Söhnen von Aimans erster Frau gab es keine Angehörigen. Seine Eltern waren bereits gestorben. Seine drei Brüder waren in die USA und nach Europa ausgewandert. Die einzige Schwester, die noch im Land lebte, befand sich in einer offenen Fehde mit Aiman um ein Stück Land, das der Mutter gehört hatte. Aiman behauptete, sie habe ihm dieses Land vor ihrem Tod verkauft, und legte dafür einen von ihr unterschriebenen Kaufvertrag vor. Die Schwester jedoch war der festen Überzeugung, dass der Vertrag gefälscht war. Außerdem hatte Jawad von dieser Schwester nicht einmal eine Telefonnummer.

Als Nächstes dachte er daran, die Polizei anzurufen. Er hatte bereits den Hörer in der Hand und war drauf und dran, die Notrufnummer zu wählen. Dann fiel sein Blick auf die Tasche und er zögerte. Er dachte, das Geld würde ihn einem Verhör durch die Polizei aussetzen, vor allem durch die Kriminalpolizisten, die in kürzester Zeit eintreffen würden. Da sie, wie jedermann wusste, so überaus intelligent waren, würden sie annehmen, dass er Aiman wegen des Geldes vergiftet oder erwürgt hatte. Sie würden zumindest im ersten Moment nicht auf den Gedanken kommen, dass er dann doch wohl mit dem Geld getürmt wäre, niemanden von Aimans Tod informiert und nicht auch noch auf die Polizei gewartet hätte. Es würde eine Weile vergehen, bis der Groschen gefallen war, denn eine solche logische Schlussfolgerung widerspräche ihrer allseits bekannten „Intelligenz“ und Boshaftigkeit.  Sie versuchten verzweifelt, den Leuten Angst einzujagen, um etwas von der Anerkennung zurückzugewinnen, die sie aus vielerlei ebenfalls allseits bekannten Gründen verloren hatten. Dabei hatten die verschiedenen Geheim- und Sicherheitsdienste, die viel weitreichendere Vollmachten und größeren Einfluss hatten als die normale Polizei und die Kriminalpolizei, die Hauptrolle gespielt. Bis sie also die richtigen Schlüsse ziehen würden, hätten sie Jawad, aus reinem Vergnügen, aus einem merkwürdigen Humor heraus und um sich an ihm abzureagieren, bereits mehrfach gedemütigt.

Dann würde es den Bericht eines Gerichtsarztes geben. Jawad wusste bis dahin noch nicht, woran Aiman gestorben war, aber er nahm an, dass es ein natürlicher Tod war, eine Folge von Aimans Maßlosigkeit. Schlechtes Essen, noch schlechtere Frauen, starkes Rauchen, täglicher Alkoholkonsum, ausgeprägtes Übergewicht und drei verstopfte Arterien, derentwegen man ihm Stents eingesetzt hatte. Man hatte ihn bei jeder Operation ausdrücklich gewarnt, dies könnte das letzte Mal gewesen sein, und die letzte Warnung war offensichtlich der Wahrheit am nächsten gekommen. Aber natürlich wusste Jawad nicht, ob der Gerichtsarzt zu dem gleichen Ergebnis gelangen oder ob noch andere Dinge zum Vorschein kommen und ihm angelastet werden würden.

Er ließ den Hörer sinken und saß eine Weile unschlüssig da. Keiner konnte wissen, dass er zu dieser Zeit hier gewesen war, denn es war doch Mittagspause. Morgens kam er nie ins Büro, da er mindestens bis elf Uhr an seinem eigentlichen Arbeitsplatz sein musste. Seine Tätigkeit mit Aiman hatte er zusätzlich aufgenommen, um seinen Verdienst etwas aufzubessern. Nach elf Uhr ging er entweder ins Büro oder direkt zu einem Kunden. Manchmal, wenn er etwas im Büro zu tun hatte, kam er vor der Mittagspause vorbei, die um zwei begann, andere Male ging er erst nach Hause und kam um fünf in Aimans Büro. Ausgerechnet heute war er tatsächlich um halb zwölf im Büro gewesen. Bevor er sich auf den Weg zu ein paar Kunden machte, informierte er Aiman, dass er am Nachmittag etwas später kommen würde, weil er einen Termin mit einem neuen Kunden hatte. Lamis hatte das gesehen und gehört. Er hatte also ein Alibi und es sollte keine Probleme geben, es sei denn, es hatte ihn jemand aus einem der anderen Büros gesehen. Doch das war ziemlich unwahrscheinlich; die anderen Angestellten aus dem Gebäude waren nur selten während der Mittagspause da.

Deshalb musste Jawad so schnell wie möglich wieder verschwinden und es Lamis überlassen, Aimans Tod zu entdecken und ihren Verwandten zu informieren, den Geheimdienstmitarbeiter, der Leibwächter der wichtigen Persönlichkeit war. Der würde dann mit seinen Kollegen kommen, bevor die Polizei eintraf, und sich ganz sicher dieser Sache annehmen. Jawad bliebe damit von einem Stress verschont, den er Aimans wegen nicht verdient hatte. Der hatte ihn schon genügend genervt, als er noch lebte. Jawad würde ihn also für weitere zwei Stunden so sitzen lassen und sich damit den großen Ärger ersparen, den Aiman selbst im Tod noch für ihn vorgesehen hatte.

Also ging er zur Tür und stellte sich die Reaktion von Lamis vor, wenn sie versuchen würde, Aiman zu wecken, so wie er selbst es vor kurzem versucht hatte. Aiman würde nach vorn kippen und Lamis erschrocken zur Seite springen und ihren Verwandten anrufen, der sie im Befehlston auffordern würde, nichts anzufassen oder zu tun, bis er einträfe, ohne sich Mühe zu geben, sein großes Interesse an ihr zu verbergen. Dann würde dieser liebe Verwandte blitzschnell anrücken, sich als wichtiger Sicherheitsexperte aufspielen und wie ein Pfau vor dem Mädchen spreizen. Er war nämlich hinter Lamis her, wie Jawad von Aiman gehört hatte, und würde sich vielleicht sogar von seiner Frau scheiden lassen, um sie zu heiraten. Das war wohl auch der Hauptgrund dafür, dass Aiman selbst im Traum nicht daran gedacht hatte, sich Lamis zu nähern. Und mit diesem vielen Geld würde es sicher eine sehr glückliche Ehe werden! Bei dem Gedanken an das Geld zu Aimans Füßen hielt Jawad an der Bürotür inne und kehrte ins Zimmer zurück.

Datenschutzerklärung