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Und schon hagelte es Kugeln

Shukri Al Rayyan
Übersetzung: Jessica Siepelmeyer
Weiter Schreiben Schweiz, Shukri Al Rayyan, Und schon hagelte es Kugeln, Ahmad Al Rayyan
© Ahamd Al Rayyan, Titel: Und schon hagelt es Kugeln, Mixed Media, Siebdruck auf Leinwand und Fotografie, bearbeitet und modifiziert (2021)

(Auszug aus „Revolution’s Tale”, dem zweiten Teil der Romantrilogie „Syrian Tales”)

Als in Douma die Revolution ausbrach und die Menschen auf den Straßen nach Freiheit riefen, war es für Hassân nichts als ein Spiel, zumindest am Anfang. Warum es zu den Unruhen gekommen war und ob sie sich bald wieder legen würden, wusste keiner. Warum auf einmal alle einen solchen Enthusiasmus an den Tag legten und mit Vehemenz Dinge einforderten, die bis dahin niemand auszusprechen gewagt hatte, verstand Hassân nicht, konnte er nicht verstehen. Sogar seine Kumpel, die ihn weniger achteten als fürchteten, hatten sich völlig verändert, hatten die Fesseln gesprengt, sich aus der beengenden Freundschaft befreit. Sie fanden, er war zu einem Schlägertyp geworden. Kein Wunder, dass er keine feste Stelle fand. Er versank in Schulden, und kaum sprach man ihn darauf an, reagierte er aufbrausend. Wegen Kleinigkeiten verscherzte er es sich sogar mit Familie und Freunden. Überall eckte er an. Ihm war nicht bewusst, dass er zu weit ging, dass sein Verhalten grausam, skrupellos, verantwortungslos war. Seit dem Tod des Vaters setzte ihm keiner Grenzen. Niemand traute sich, ihm die Meinung zu sagen.

Doch nun kam er damit nicht mehr durch. Die Menschen ließen ihn links liegen, wollten sich im neu aufkeimenden Widerstandsgeist selbst verwirklichen. Es war für alle eine sehr gefährliche und gleichzeitig aufregende Situation. Dabei zu sein stand jedem offen.

Etwa einen Monat nach Beginn der Revolution, im April 2011, am Karfreitag, nahm er an seiner ersten Demonstration teil; und nahm er an etwas teil, ging die Sache nie glimpflich aus, selbst wenn er es nicht provoziert hatte.

So wurden an dem Tag mehr Menschen von den Sicherheitskräften erschossen als bisher während der Proteste. Einhundertfünfundzwanzig Demonstranten in ganz Syrien. Auch in Douma gab es Tote.

An den folgenden Tagen entwickelten sich die Trauermärsche zu Massendemonstrationen. Hassân hatte drei Freunde verloren und war am Boden zerstört.

Die ganze Nacht wartete er, dass die Behörden die Toten freigaben, doch sie stellten Bedingungen und demütigten die Hinterbliebenen.

Als am Tag der Beerdigung die Sicherheitskräfte den Friedhof umzingelten, war für den ohnehin schon hitzköpfigen Hassân das Maß voll. Kaum waren die Toten unter die Erde gebracht, schleuderte er einem der Sicherheitsbeamten einen Stein an den Kopf. Und schon hagelte es Kugeln.

Die Trauergemeinde lief auseinander, Menschen fielen zu Boden. In dem Durcheinander entriss Hassân einem Sicherheitsmann die Waffe und zertrümmerte ihm damit den Schädel.

Er habe aus dem Kopf Hackfleisch gemacht, hieß es. Zum ersten Mal im Besitz einer Waffe hantierte er damit wie mit einem Knüppel. Kopflos, von Rache getrieben, mit irrem Blick stürzte sich Hassan wie ein außer Kontrolle geratener Riese auf sein nächstes Opfer. Der Sicherheitsmann ließ seine Waffe fallen und rannte davon, zu seinen Kollegen hinter der Friedhofsmauer.

Hassân sprang hinterher, über die Mauer. Die Sicherheitskräfte waren in die Enge getrieben. Und schon hagelte es erneut Kugeln.

Einer der Trauernden schnappte sich die fallengelassene Waffe, ging hinter einem Grabstein in Deckung und schoss auf die Sicherheitsbeamten. Sie waren zahlenmäßig den mit Steinen werfenden Zivilisten auf dem Friedhof unterlegen. Die Sicherheitskräfte zogen sich aus der engen Gasse zwischen Friedhof und der angrenzenden Moschee zurück zu ihren Wagen auf dem naheliegenden Platz.

Keiner, der die Szene aus seinem Versteck beobachtet hatte, würde je vergessen, wie Hassân die scheinbar furchtlosen Sicherheitsleute in die Flucht schlug, die Jahrzehnte lang Angst und Schrecken verbreitet hatten.

Aber die Leute feierten ihren neuen Helden nicht, wussten sie doch, dass die Verbrecher nur schnell Verstärkung holten, um mit noch größerer Brutalität vorzugehen. In Windeseile wurden die Toten geborgen, denn alle gingen sicher davon aus, dass die Sicherheitskräfte sie schänden und nur im Austausch gegen gesuchte Personen herausgeben würden. Auch Hassân wurde in Sicherheit gebracht. Er hatte nicht gemerkt, dass er angeschossen war. Doch dann sah er das Blut an Schulter und Hüfte und brach ohnmächtig zusammen. Hassâns Freund, Ziad, der die fallengelassene Waffe aufgehoben hatte, wurde ebenfalls weggeführt. Die beiden Waffen wurden zusammen mit Hassân und Ziad an einen geheimen Ort gebracht. Der Verwundete wurde verarztet.

Trotz aller Hektik machte sich Angst breit. Sicher bliebe das Ganze nicht ohne Folgen. Klar war jedenfalls: Hassân war ihr Held und die Sicherheitsbeamten feige und niederträchtig. Mit einem Großaufgebot kehrten Regimeverteidiger zurück, sicherten den Friedhof, warteten noch eine Weile und bargen dann erst den Leichnam des Kollegen.

Den zweiten Mann, den Hassân niedergeschlagen hatte, ließen sie liegen. Bluttriefend schleppte dieser sich zum Platz, auf dem das gesamte militärische Aufgebot samt Panzerfahrzeugen postiert war. Er wäre erschossen worden, hätte ein Kollege ihn nicht in letzter Minute erkannt.

Den Bewohnern von Douma wurde nach diesem Vorfall bewusst: Die Konfrontation hatte eine neue Dimension angenommen und sie konnten dem nichts entgegensetzen. Die Belagerung verschärfte die ohnehin schon angespannte Situation. Was niemanden wunderte, denn sie kannten den Tyrannen, der seit Jahren am Werk war.

Keiner hätte das Versteck von Hassân und Ziad preisgegeben, nicht einmal unter Folter. Insgeheim waren sich alle einig: Was Hassân und Ziad getan hatten, war die notwendige Reaktion auf die Grausamkeit jener Mörder, wegen der sich die Syrer die Stimme aus dem Leib schrien: „Dieses Land gehört uns allen. Kommt, schließt euch an!“ Doch als Antwort kamen Kugeln und Tod.

Die Leute hatten gehofft, dass der Protest die Sicherheitskräfte abschrecken und ihnen zeigen würde, dass sie mit Gegengewalt zu rechnen hätten; gehofft, dass sie ihre Position revidieren, an sich und ihre Kinder denken würden und nicht auf Nachbarn und alte Freunde schießen, die nur einforderten, was ihnen zustand. Aber vergebens. Die Sicherheitskräfte verwüsteten ein Haus nach dem anderen. Angeblich waren sie auf der Suche nach den vermissten Waffen und dem Riesen. Alle, die verhört wurden, sagten einhellig, sie hätten den Mann auf der Beerdigung zum ersten Mal gesehen. Den Regimeverteidigern war klar, dass sie nirgends eine Kugel, geschweige denn eine Waffe finden würden. Und den Riesen hätten sie nicht einmal auf dem Mars gefunden. Das Ganze war offensichtlich nichts als Schikane.

Hassans Identität konnte nicht lange geheim gehalten werden, denn er war stadtbekannt und Spitzel gab es überall. Deswegen wurden die Mutter und die jüngere Schwester in Sicherheit gebracht. Sie wurden zur älteren Schwester geschickt, die mit Mann und Kindern in Jarmuk[1] lebte. Das hatte zur Folge, dass die gesamte Familie flüchten musste. An der jordanischen Grenze hingen sie mehrere Tage fest, dem Ehemann, einem Palästinenser, wurde die Einreise verweigert, also tauchten sie mit Hilfe von Verwandten und Freunden im Flüchtlingscamp in Dara’a unter. Später schaffte Hassan es, Mutter und Schwester bei seinen Onkeln in Jordanien unterzubringen. Die ältere Schwester ging mit ihrer Familie nach Douma, nachdem die Stadt von Regimetruppen befreit war.

Hassan trug einen neuen Namen und war zu Abu Qatad geworden, was kein leichtes Unterfangen gewesen war. Wieder bei Kräften genoss er das Gefühl, von allen gemocht und geschätzt zu werden. Das kannte er nicht, denn als Rabauke verschrien, hatte man ihn bislang gemieden. Seine Kühnheit wäre bestimmt bald vergessen, denn das Regime ging zunehmend brutaler vor. Doch er wollte sein neues Ich unbedingt bewahren. Gleichzeitig drohte eine ganze Realität, zu der er gehörte, ausgelöscht zu werden. Er war ratlos, wusste nicht weiter. In der gesamten Ost-Ghuta suchte man nach ihm. Instinktiv war ihm klar, dass es keinen anderen Weg gab, als Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Um ihn herum wurden alle verhaftet oder getötet. Eine Waffe musste her.

Er schloss sich Gangs an. Zusammen erbeuteten sie Waffen und Munition von den militärischen Checkpoints in der Ost-Ghuta. Durch seinen Decknamen bekam Hassân eine Bedeutung, die er sich im Traum nicht hatte vorstellen können. Scheich Abu Qatada! Er hatte bislang mit dem Islam nichts am Hut gehabt, konnte weder die eröffnende Sure aus dem Gedächtnis rezitieren, noch wusste er, wer Abu Qatada gewesen war.[2] Aber dieser Name war im allgemeinen Bewusstsein so verankert, dass er ihn unwillkürlich für sich gewählt hatte. Und er merkte, dass er allen Leuten ein Begriff war.

Auf einmal rückte der Glaube wieder in den Vordergrund. Die Menschen, von der Welt im Stich gelassen, sahen in Gott den einzigen Beistand gegen diese bestialische Brutalität. Nur er, so die Vorstellung, könnte ihnen helfen, ihr Recht zu erkämpfen.

Es schien so einfach. Dem ständig lauernden Tod begegnete Hassân mit der Überzeugung, als Märtyrer zu sterben. Auch wenn er bisher nicht gewusst hatte, in welcher Richtung Mekka und die Kaaba lagen, betete er nun nach Vorschrift. Ein inneres Bedürfnis, erwachsen aus der Situation. Der neue Name und das veränderte Ich passten zu den Umständen, denen keiner entfliehen konnte. Viele Fragen standen im Raum, auf die keiner eine Antwort hatte, also griff Hassân auf das zurück, was jeder als Ankerplatz für die Schwachen kannte: den Glauben. Die ideale Lösung, wenn man auf ein Wunder hoffte. Das Wunder aber trat nicht ein.

______

[1] Vorort von Damaskus und Brennpunkt von Antiregierungsdemonstrationen zu Beginn der Revolution, palästinensisches Flüchtlingslager.

[2] Nämlich ein Gefährte des Propheten Mohammed.

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