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Noahs Asylverfahren (Auszug)

Wagdy El Komy
Farbiges abstraktes Acrylgemälde, das zwei ineinander verschmolzene menschliche Figuren zeigt, die sich mit der Form eines Berges verbinden.
© Mohammad Zaza, Herz, Acryl auf Leinwand (2023)

1.

Noah lag nicht das Geringste daran, häuslich zu werden. Die Chance auf ein geregeltes Leben und womöglich gar eine Ehe mit einer österreichischen Köchin namens Michaela schlug er aus. Lieber kehrte er für immer zu seiner Arbeit zurück – und schmuggelte Menschen, die auswandern wollten, übers Meer. Es war ihm alles andere als leichtgefallen, sich von seinem Schiff zu trennen, und dies obgleich er bloß ein einfacher Mensch und keineswegs ein Prophet der Sintflut war.

Eine Art unverwüstlicher Talisman tief in seinem Innern trieb ihn an. Äußerlich zumeist ruhig, konnte er manchmal aufbrausend sein. Solltest du per Zufall einmal auf ihn treffen in einem der zahlreichen Mittelmeerhäfen, die sein Tätigkeitsfeld darstellen – sei es Alexandria, Bengasi oder Bab al-Zaitun bei Tobruk –, dann wette ich darauf, dass du dich sogleich zu ihm hingezogen fühlst. Später, als er im Flüchtlingslager festsaß, behauptete er, ein Prophet zu sein, und zwar kein geringerer als Prophet Noah. Nicht dass jemals etwas Wundersames über ihn berichtet worden wäre, etwa, dass man ihn in zwei Häfen gleichzeitig gesichtet hätte, oder dergleichen. Seine einzige prophetische Tat war die erfolgreiche Überquerung des Mittelmeeres, und zwar zusammen mit siebentausend, ja womöglich gar zehntausend Geflüchteten, die wir uns angewöhnt haben, als illegal zu bezeichnen.
Sein Ruf als berühmtester und erfolgreichster Schmuggler fand ein jähes Ende, als sein Schiff schließlich doch in die Hände der europäischen Küstenwache fiel. Nun musste er sich rasch eine neue Geschichte einfallen lassen. Um einem Urteil als Menschenhändler zu entkommen, wurde er zum Propheten.
Im Folgenden gebe ich Noahs Geschichte wieder, dem Herrn der Arche. So gewöhnten wir uns an, ihn zu nennen, so wünschte er von uns gerufen zu werden.

Nach drei Wochen im Auffanglager in Altstätten im Kanton St. Gallen wurde Noah endlich zur ersten Anhörung vorgeladen. Man hatte ihn seit seinem Eintritt ins Lager stets freundlich und respektvoll und nicht etwa wie einen Gefangenen behandelt. Wie er nun in der Anhörung gebeten wurde, seinen Fall darzulegen, da fühlte er sich plötzlich wie vor ein Gericht gestellt und passte seine Geschichte entsprechend an … so wie alle Asylsuchenden gezwungen sind, es zu tun. Alle müssen wir eine Geschichte bereit haben, um zu überleben und um einen positiven Bescheid zu erwirken. Alle – bis auf Noah. Er schien sich eigens eine Geschichte ausgedacht zu haben, die zwangsläufig zu einer Absage und einem Verweis aus dem helvetischen Paradies führen musste.

Im Anhörungszimmer wurde er sogleich von drei Frauen begrüßt. Die Gesprächsleiterin, rund dreißig Jahre alt und durchschnittlich hochgewachsen, kam ihm aus irgendeinem Grund ziemlich klein vor, als sie ihm die Hand reichte. Des Weiteren war eine Dolmetscherin anwesend, die Persisch, Arabisch, Kurdisch und Aramäisch sprach. Die Protokollantin wiederum, die sich selbst verbal nicht einbrachte, konnte ihren neugierigen Blick kaum von Noah abwenden und starrte immer wieder auf sein zu dicken und schweren Zöpfen geflochtenes Haar.

Als erstes fragte ihn die Gesprächsleiterin nach seinem Namen und Alter und erkundigte sich, ob in der Schweiz Verwandte lebten. Nachdem die Dolmetscherin die Frage erst auf Arabisch, dann in Farsi, Kurdisch und Aramäisch gestellt hatte, antwortete er noch immer mit keiner einzigen Silbe, sondern starrte verträumt und mit abwesendem Gesichtsausdruck durch die Schutzwand in Richtung der Gesprächsleiterin. Diese fragte nun die Dolmetscherin, ob er überhaupt etwas verstanden oder gehört habe, oder ob er womöglich taub sei. Worauf die Dolmetscherin auf ihre Ohren zeigte und gleich darauf mit den Fingern ein Maul formte, das sie zweimal öffnete und schloss, um sich mit dieser Gebärde zu versichern, dass er ihre Worte verstehen konnte und nicht in irgendeiner Form in seinem Hören beeinträchtigt war.

Nach einem Moment der Stille, in dem er widersprüchliche Gefühle durchlebte und seine Gedanken sortieren musste, fasste er sich. Die Antwort fiel entschieden aus: «Mein Name ist Noah und ich bin etwas mehr als neunhundert Jahre alt …»

Das war die erste offenkundig selbstzerstörerische Salve, die er abfeuerte, und mit der er Zweifel an sich selbst streuen wollte. Die Übersetzerin ihrerseits seufzte erleichtert auf und gab wieder, was der Mann auf Kurdisch gesagt hatte, wobei sie ihre Verwirrung vor der Gesprächsleiterin verbarg. Diese hörte nachdenklich zu und meinte dann: «Sehr geehrter Herr Noah, es steht Ihnen offen, sich einen beliebigen Namen auszusuchen … was aber Ihr Alter anbelangt, so können Sie unmöglich neunhundert Jahre alt sein, niemand lebt so lange. Anstatt diese Anhörung mit falschen Behauptungen zu beginnen, wäre es besser, wenn Sie uns Ihr wahres Alter mitteilen und alle Dokumente vorlegen, die Ihr Alter, Ihre Staatsbürgerschaft und Ihren Geburtsort bestätigen.»

«Was soll ich Ihnen noch sagen?» erwiderte er. «Ich bin Noah. Was ich tat, tat ich aus freien Stücken. Niemand hat mich dazu gezwungen.»

Er wirkte gelangweilt und schien das Ganze möglichst rasch hinter sich bringen zu wollen. Schwer lastete die Stille auf dem Zimmer. Als sie sich wieder gefasst hatte, fragte die Gesprächsleiterin: «Wie lange schmuggeln sie schon Menschen nach Europa?»

Die Übersetzerin wiederholte die Frage auf Kurdisch. Seine Antwort fiel vage und zweideutig aus: «Ich bin kein Schmuggler … und war auch nie einer. Bezeichnen wir einen Propheten als Schmuggler, wenn seine Mission darin besteht, Menschen vor der Tyrannei zu retten? Alle Propheten, die nach mir kamen, folgten demselben Auftrag wie ich. Sie führten ihre Völker aus der Tyrannei … Moses … Jesus … Muhammad … Ich aber bin der erste. Ich bin Noah. Sechshundert Jahre habe ich darauf gewartet, dass die Tyrannen die Unterdrückung aufgeben, dass Frieden einkehrt auf Erden, in ihren Städten und Dörfern. Aber nichts geschah. Ich wartete und wartete, Unschuldige wurden verfolgt, falsche Anschuldigungen erhoben, die Länder kolonialisiert, und nur Despoten und Plünderer fanden an die Macht. Eine Lösung musste her. Und so baute ich ein Schiff, als die Stimme zu mir kam und mich hieß, ein Schiff zu bauen.»

Die Gesprächsleiterin konnte sich eine sarkastische Bemerkung nicht verkneifen. Er ließ sie unkommentiert. «Wo also, sehr geehrter Herr Noah», fragte sie, «waren Sie all die vielen Jahre lang? In all den Jahrhunderten, in denen sich die Menschheit weiterentwickelt hat seit der Sintflut? Wollen Sie mir sagen, dass Sie ewig leben??»

Nach dieser ersten Anhörung kehrte Noah in die Asylunterkunft in Altstätten nahe der österreichischen Grenze zurück. Im Logbuch des Lagers findet sich der folgende Eintrag: «Zurückgekehrt am Freitag, 22. Dezember 2021, um 17 Uhr.»

Das Sicherheitspersonal vor dem Auffanglager seufzte auf, als er mit seiner Haarpracht und seinem Gewand vor ihnen stand. Seit Noahs Ankunft vor einigen Wochen waren ihnen die Personenkontrollen zu einer wahren Last geworden. Noah selbst war im Auffanglager nach einer langen Fusswanderung angekommen, nachdem sein Schiff in Kreta hatte anlegen müssen und er aufs griechische Festland transportiert worden war.

Natürlich sahen am Anfang alle einen Betrüger in ihm. Die Idee war zu absurd. Die Behauptung, Noah höchstpersönlich zu sein, grenzte eher an Verhöhnung als an einen ernsthaften Versuch, schwerwiegenden und gefährlichen Anschuldigungen zu entkommen. Ich schildere nun die Umstände, die uns beide zusammengeführt haben. Dabei maße ich mir nicht an, zu entscheiden, ob wir uns tatsächlich einem Wunder gegenübersehen, das bis in die Zeit der Sintflut zurückreicht.

Also … ich, und andere mit mir, sind bei ihm an Bord gegangen, weil er uns empfohlen worden war, und zwar von Leuten, die mit ihm erfolgreich die Überfahrt gemacht hatten. Bevor wir überhaupt das Schiff betreten hatten, stellte er seine erste Bedingung. Unter keinen Umständen sollten wir versuchen, uns mit ihm anzufreunden oder ihm sonst irgendwie zu nahe zu kommen. So bezahlten wir also alle den vereinbarten Betrag, fünftausend Dollar … obwohl, nein, Entschuldigung, wir gaben das Geld nicht direkt an ihn weiter, sondern an einen Mittelsmann in Alexandria. Dieser wiederum machte uns klar, dass wir den libyschen Hafen Tobruk auf eigene Faust erreichen mussten. Keine einfache Aufgabe, sie jedoch würden dafür keinerlei Verantwortung übernehmen.

Bei Noah an Bord gegangen, überkam mich das Gefühl, dass es diesmal klappen musste. Offensichtlich wusste er mit einem Schiff umzugehen. Und er hatte Nerven aus Stahl, wie man bei uns sagt … die Küstenwachen der Griechen oder Italiener brachten ihn nicht aus der Ruhe. Sah man ihn am Steuer, so vermittelte er eher den Eindruck eines Piraten denn eines Schleppers. Ups, fällt mir ein – Schlepper – das Wort streichen wir gleich wieder. Er war kein Schlepper. Er rettete uns das Leben. Er ist ein Prophet, ein Gesandter Gottes, der uns wohlbehalten ans andere Ufer des Mittelmeers trug.

Leider war uns weniger Glück beschieden als den Menschen zu Noahs Zeiten. Damals gab es weder Dollars noch Euros. Und sie mussten keine astronomischen Summen aufbringen, um auf das Schiff zu kommen. Zudem wurde der echte Noah von seinem Herrn gerettet, unser Schiff aber fiel in die Hände der europäischen Küstenwache. Bestimmt hätte diese auch zurzeit der Sintflut eine Bedrohung für Noah dargestellt, weshalb Gott dafür sorgte, dass es sie damals noch nicht gab. Wir aber mussten vor Kreta ins Meer springen, um uns in Sicherheit zu bringen, während er mit seinem Schiff abgeschleppt und verhaftet wurde. Sie wollten ihn für Schlepperei vor Gericht bringen. Noah jedoch hatte alles Geld und sämtliche Dokumente beseitigt, so dass für eine Anklage die Beweislast nicht ausreichend war. Es blieb nur der Verdacht. Ganz langsam nahm in diesen Tagen ein Plan in seinem Geist Gestalt an … wobei es sich als nützlich erwies, dass sein Name mit dem Namen des Propheten der Sintflut übereinstimmte.

 

[Ende 1. Teil. Die Fortsetzung der Erzählung erscheint im Frühjahr 2027 im Lenos Verlag]

– Eine Million dahintreibender Worte als ein Steg für Noahs LeuteLesenمليون كلمة طافية ليطأها قوم "نوح"
– Kurzer Abriss über den Lebenszyklus der BäumeLesenموجز مختصر عن دورة حياة الأشجار

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