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Tausendundein Schmerz

Hussein Mohammadi
©Rahman Hak-Hagir/ Palm House (2014)
Performer: Zeljka Suvajac, Print auf Alu Dibond, 120 x 90 cm and 150 x 100 cm

Ahmads Welt war so klein, dass er in Kabul unter all den Menschen, die im Auto an ihnen vorbeifuhren, nach bekannten Gesichtern Ausschau hielt. Manchmal meinte er, jemanden erkannt zu haben. Im Dorf kannte er alle, sogar aus den Nachbardörfern kannte er viele. Er blickte nacheinander in die Gesichter der Mädchen, um vielleicht das seiner Tochter darunter zu finden. Aber dann dachte er sich: Nein, meine Tochter ist verschleiert. Meine Tochter schminkt sich nicht so stark. Die Hälfte ihres Haars schaut nicht so hervor. Auf den Tschador seiner Tochter war ein sternförmiges Muster gestickt. Würde er dieses Muster auf einem der Tschadors hier in der Stadt entdecken, dann könnte er ganz sicher sagen: «Das ist sie.»

Die Mädchen, die nah beieinander über den Basar gingen, erregten die Aufmerksamkeit der zwei Brüder und natürlich auch die der anderen Männer dort. Als stünde er seinen Erzfeinden gegenüber, biss Ishaq vor Verachtung seine Zähne zusammen und sagte: «Solche wie die haben die Gesellschaft verdorben. Diese schamlosen Teufel haben das Land um den Frieden gebracht und nur Unheil angerichtet. Ich frage mich wirklich, was aus dem Ehrgefühl der Männer in dieser Stadt geworden ist. Die Geschichten von dem Lotterleben hier hört man schon bis in unsere Dörfer. Und irgendwann führen sie dann auch unsere Töchter in die Irre. Dass Mädchen und Frauen zu Hause bleiben sollten, das haben die Taliban schon ganz richtig gesehen. Sie sollten waschen, kochen und schnell heiraten. Dann Kinder bekommen und fügsame Ehefrauen werden. Wenn man sie freilässt, ruinieren sie die Gesellschaft.»

Ahmad hörte seinem Bruder nicht zu. Er beobachtete die langen schwarzen Haare, die ein sanfter Wind unter dem bunten Kopftuch eines der Mädchen hervortänzeln ließ. Er dachte an seine Tochter, deren Haare ebenfalls so lang und schwarz waren. Er fühlte, wie sein Herz sich zusammenzog. Sie fehlte ihm sehr. Einen solchen Schmerz hatte er nur ein einziges Mal zuvor gefühlt, als er als noch junger Mann seine Eltern verloren hatte. «Meine Tochter, warum hast du das getan?», flüsterte er vor sich hin.

Er wünschte, er wäre zurück auf den Feldern und würde wieder den Acker pflügen. Er wünschte sich, all dies geschähe nur im Schlaf und dass er aus diesem Albtraum erwachen und seine Tochter sehen würde, wie sie morgens in den Stall ging, um die einzige Kuh, die sie hatten, für das Frühstück zu melken. Lächelnd goss sie Schwarztee mit Milch in kleine Gläser. Golchaman legte frisches, warmes Tandooribrot auf das ausgebreitete Tuch. Wie gewöhnlich hatte er noch geschlafen, als seine Frau aufgestanden war, um den Ofen anzuheizen, damit sie alle frisches, warmes Brot zum Frühstück hatten. Dieses Brot gab ihnen die doppelte Kraft für die Arbeiten im Haus und auf dem Feld. Die Erinnerungen an diese Morgenstunden waren jetzt nur noch Tagträume. Sie würden sich für ihn nicht wiederholen. Er hatte seiner Tochter beim Aufwachsen zugesehen. Wie glücklich war er gewesen, als sie geboren wurde. Die Leute im Dorf hatte Ahmads große Freude verwirrt. Söhne zu bekommen war für sie von großer Wichtigkeit. Ahmad aber hätte sich nicht mehr freuen können. Seine Tochter war das Licht seines Hauses geworden. Ein weiterer Grund, glücklich zu sein. Niemals hätte er gedacht, dass sie ihm einmal so ein Schicksal bescheren würde. Wie konnte er diesem Albtraum nur entfliehen? Er wollte doch nichts, außer zu diesen Morgenstunden an der Seite seiner Tochter und seiner Frau zurückzukehren. Er wäre bereit, seinen ganzen Besitz Gott zu überlassen, wenn er stattdessen zu seinem vergangenen Leben zurückkehren und noch einmal von vorne beginnen könnte.

Er konnte sich noch gut an den Moment erinnern, an diesen düsteren Moment, in dem er erfahren hatte, dass seine Tochter weggelaufen war, mit einem Jungen aus dem Nachbardorf. In seinem ganzen Leben war er nicht so außer sich, so verzweifelt gewesen. Er erinnerte sich an das Gesicht seiner Frau, die ihren Schleier zur Seite gezogen hatte und zwischen den Ackerfurchen hindurch auf ihn zu hastete.

Ahmad hielt die Schaufel in der Hand. Er schaute dem Wasser nach, wie es sich über die Erde schlängelte. Er folgte dem Lauf, jederzeit bereit, ihn mit seiner Schaufel zu ändern, damit jeder Teil des Feldes gleichmäßig bewässert würde. Er beobachtete, wie der Boden und die kleinen und großen Erdklumpen das Wasser aufsogen und ihre Farbe wechselten. Die Pflanzen, die jetzt ihre Köpfe aus der Erde gestreckt hatten, würden bis zur Erntezeit weiterwachsen. Ahmad warf einen Blick zum Himmel, von dem nur eine stolze Sonne herabprangte. Es hatte seit einiger Zeit nicht geregnet. Aber nun, eine Dürrejahr war es auch nicht. Die Altehrwürdigen der Dörfer hatten sich zusammengesetzt, um das Wasser gerecht zu teilen. Die Dorfbewohner waren einigermaßen zufrieden. Noch zwei Monate und man würde ernten können.

Er nahm seine weiße runde Kappe vom Kopf und wischte sich mit dem großen Tuch um seinen Hals den Schweiß weg. Unter den Armen und an den Seiten war seine Kleidung ganz durchgeschwitzt. Er war hungrig und warf einen Blick in Richtung Dorf. Eine schwarze Gestalt lief von dort auf ihn zu. Er lächelte. Sie ist ein bisschen spät dran, sagte er sich. Vor einer Stunde hätte Golchaman ihm sein Mittagessen bringen sollen. In diesem Moment war er sich sicher gewesen, dass die schwarze Gestalt seine Frau war, die ihm sein Mittagessen bringen wollte. Auf den angrenzenden Feldern saßen die Bauern lebhaft beieinander. Manchmal zogen sie sich in die Schatten der Bäume zurück, um sich vor der sengenden Sonne zu schützen oder um zu essen und Tee zu trinken. Oder sie setzten sich in die Hütte, die sie aus den Bastfasern und Zweigen der Bäume gebaut hatten. Zur Erntezeit kam die ganze Familie. Dann war auf den grünen und fruchtbaren Feldern ein reges Treiben zu beobachten. Alle kamen zusammen, um die Ernte zu feiern und dieser gedeihlichen und frohen Atmosphäre beizuwohnen. Alle liebten diese Zeit und verbrachten glückliche Tage zusammen. Ein blinder alter Mann kam in Begleitung seines Sohnes und dessen Familie. Der alte Mann setzte sich in eine Ecke und begann mit altehrwürdiger, herzerwärmender Stimme seine Liebesghaselen zu singen. Die Männer und Frauen spürten die sengende Hitze nicht mehr. Die Stimme des Alten gab ihnen Kraft, heiter setzten sie ihre Ernte fort und hofften, die nächsten Jahre mögen so glücklich verlaufen wie dieses.

Golchaman kam sehr schnell näher. Es ist ein bisschen spät geworden, sagte sich Ahmad, aber es ist doch nicht notwendig, so viel Aufhebens wegen eines Mittagessens zu machen. Hin und wieder stolperte sie und drückte die frisch aufgeworfene Erde mit ihren Füßen nieder. Ahmad ging auf sie zu und rief ihr entgegen: «Langsam, langsam, Frau! Ich verhungere schon nicht.»

Ein Ende von Golchamans Tschador schleifte auf der Erde. Sie keuchte. «Masomah, Masomah …», stieß sie zwischen den Atemzügen hervor. Sie ließ sich vor Erschöpfung auf den Boden nieder. Mit einer Ecke des Tschadors wischte sie sich die Schweißperlen aus dem sonnenverbrannten Gesicht. Sie atmete so heftig, als hätte sie soeben ein Kind geboren.

«Was ist mit Masomah? Sprich doch, Frau. Ist ihr etwas passiert?», fragte Ahmad. Golchaman atmete ein paar Mal tief ein und sagte dann mit zitternder Stimme:

«Ich kann sie nicht finden.»

Ahmad starrte seine Frau, wie sie dort vor ihm auf dem Boden kauerte und vor Sorge weinte, unverwandt an. Die heiße Erde unter ihr ließ sie noch stärker schwitzen, schon standen ihr wieder Schweißperlen im Gesicht. Ahmads Knie zitterten, er setzte sich vor ihr auf den Boden, griff ihr schmales Kinn und sagte wütend: «Was soll das heißen, du findest sie nicht? Erklär mir doch, was passiert ist. Du hast mich fast zu Tode erschreckt.»

Mit Augen voller Tränen begegnete Golchaman dem strengen Blick ihres Mannes. Schluchzend sagte sie: «Morgens ist sie zu den Nachbarn ein paar Gassen weiter gegangen, zum Haus von Shah Gholam, Hadidjahs Vater. Masomah sagte, sie wolle dort vorbeigehen, um dabei zu helfen, Hadidjahs Hochzeitskleid zu nähen. Sie blieb sehr lange weg. Irgendwann ging ich los, um sie nach Hause zu holen, aber Hadidjahs Mutter sagte, sie sei gar nicht bei ihnen gewesen. Also bin ich zu den anderen Nachbarn gegangen, aber dort hatte auch niemand Masomah gesehen. Ich hätte mich verfluchen können. Aber wo hätte sie denn allein hingehen sollen?»

Ahmad war sich unschlüssig, was er tun sollte. Er wollte vermeiden, so außer sich zu geraten wie seine Frau. «Hast du bei meinem Bruder nachgefragt? Vielleicht ist sie bei Nabi. Vielleicht ist sie bei ihm», sagte er.

Golchaman knetete ihren Tschador. «Da geht sie doch nicht hin. Du weißt ganz genau, dass sie Nabi nicht leiden kann. Und wenn sie dorthin gegangen wäre, was hätte sie denn für einen Grund gehabt, mich anzulügen?», antwortete sie und weinte weiter.

Ahmad schaute sich um. Ein paar Leute auf den Nachbarfeldern schauten neugierig zu ihnen herüber. Besorgt und ärgerlich sagte er zu ihr: «Steh auf und rede nicht so laut! Ich will hier nicht mein Gesicht verlieren. Komm, steh auf, wir gehen nach Hause! Wo immer sie auch hingegangen ist, vielleicht ist sie inzwischen wieder zurück.» Und dann zu sich selbst: Masomah ist verschwunden? Wo könnte sie sein? Es gibt doch in diesem kleinen Dorf keinen Ort, an den man gehen könnte, außer zum Haus des Nachbarn. Ihm bebte das Herz bei diesen Gedanken. Sie ist kein Junge, von dem sich, wo immer er sei, sorglos sagen ließe, zum Abend ist er wieder da. Sie ist ein Mädchen. Es gibt für sie keinen Ort, an den sie gehen könnte.

Er ergriff die Hand seiner Frau und zog sie vom Boden hoch. Golchaman rückte ihren Schleier zurecht. Ohne der Erde auf ihrem Tschador Beachtung zu schenken, lief sie hinter ihrem Mann her. Im Schatten der Platanen stand Ahmads altes Motorrad. Er entriegelte es mit dem rechten Fuß, drehte den Zündschlüssel um und trat die Kupplung kurz und kräftig. Wie gewöhnlich sprang der Motor erst beim dritten oder vierten Mal an. Golchaman stieg langsam auf das Motorrad und setzte sich hinter ihn. Sie raffte den unteren Teil ihres Tschadors zusammen, steckte ihn zwischen sich und ihren Mann und legte die Arme um seine Taille. Sie fuhren den Feldweg entlang bis zum Nachbarfeld, auf dem Gholam gerade dabei war, mit seinem Sohn Unkraut zu jäten. Gholam ging durch die Reihen der hochschießenden Auberginensträucher hindurch auf die Frau und den Mann zu. Sein jugendlicher Sohn wandte den dreien sein sonnengebräuntes Gesicht zu und beobachtete sie gespannt. Er nahm seinen Strohhut ab, trank ein paar Schlucke aus seiner Feldflasche und sprenkelte auch etwas Wasser über den Hut. Er sah das Motorrad in Richtung Dorf davonfahren. Sein Vater kam mit großen Schritten zurück und sagte: «Geh und mach dir einen Tee, wenn du müde bist! Ich werde rübergehen und die Bewässerungsroute auf Ahmads Feld kontrollieren.» «Was ist passiert?», fragte der Junge. «Ich weiß es nicht», antwortete ihm sein Vater. Er nahm seine Schaufel. Als er sich von seinem Sohn entfernte, murmelte er vor sich hin: «Etwas Bedeutsames muss passiert sein. Ich werde nach Hause gehen und meine Frau fragen.»

– Unter einem BaumLesen

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