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Unter einem Baum

Hussein Mohammadi
Bild mit Boot am Steg © Hussein Mohammadi - Weiter Schreiben Schweiz
Hussein Mohammadi, Das Boot, 50 x 80 cm, Öl auf Leinwand (2016)

Die Blätter und der Stacheldraht

In der Türkei, September 2012

Es hat langsam aufgehört zu regnen. Ich stehe auf dem Hof des Camps, in das wir nach unserer Verhaftung gebracht worden sind, und blicke hinüber auf die andere Seite des Stacheldrahts. Hier und dort stehen Bäume, hier und dort sind Blätter über den Boden verteilt. Blätter, die der gleiche Regen wusch, Blätter, die aufeinander, nebeneinander, sogar hier direkt neben meinen Füssen auf dem Boden liegen. Den Blättern ist es egal, auf welcher Seite sie liegenbleiben, nur für mich ist es wichtig. Ich will nicht sechs Monate an einem Ort leben, der einem Gefängnis gleicht.

Wir waren gerade angekommen. Auf dem Stuhl neben dem Fenster sass ein alter Mann und trank seinen Tee. Er erzählte uns von dem Leben hier, von den anderen Flüchtlingen, die wie wir auf dem Meer verhaftet worden waren. Er sei schon seit sechs Monaten hier. (Jetzt verhielt er sich wie ein alter Hase.)

Ich schaute mir die anderen an und sagte zu mir selbst: «Sechs Monate?! Ich muss es wie die Blätter machen, es soll mir egal sein, wie und wo ich bin.»

 

Das Meer und die Augen

Zwischen Türkei und Griechenland, November 2012

Anfangs sassen wir mit zwei Schleppern in einem Schlauchboot. Doch dann übergaben sie einfach einem der Passagiere die Führung, schwammen zu einer kleinen Insel und liessen sich von dort abholen. Eine halbe Stunde später zog plötzlich ein Sturm auf und die Situation wurde bedrohlich. Das Boot begann stark zu schwanken. Alle hatten Angst. Ich sass auf dem Rand und versuchte mit aller Kraft das an der Bootskante befestigte Seil festzuhalten. Ich sah, wie die Wellen schrecklich um uns herumtanzten und immer höher wurden. Bei jeder grossen Welle glaubte ich, sie würde uns verschlucken. Sehr schön! Ein Wunder der Natur!

Die meisten Passagiere sassen in der Mitte des Bootes und beteten. Ich betete auch. Drei Mal war ich schon auf dem Meer verhaftet worden, jetzt wollte ich einfach nur noch die Insel erreichen und endlich ankommen. Vielleicht hatte ich auch deswegen keine Angst, vielleicht schaute ich deswegen dem Tanzen der Wellen ohne Angst zu, obwohl es mir Angst machen sollte. Ich hatte keine Angst. Als wir der Insel schon nah waren, entdeckte ich ein Mädchen, das neben ihrer Mutter sass und mich anstarrte. Ich sah ihr Gesicht und ihre Augen. Ich lächelte. Sie lächelte zurück. Ihre Augen glänzten. Da bekam ich plötzlich doch noch Angst. Angst davor, dass ihre Augen morgen schon nicht mehr glänzen würden.

 

Der Vogel

Griechenland, November 2012

Nach dieser hektischen Nacht kamen wir endlich auf der griechischen Insel an. Wir machten ein Feuer gegen die Kälte und trockneten unsere nasse Kleidung. Die meisten Passagiere verschwanden sofort, nachdem wir aus dem Schlauchboot ausgestiegen waren. Nur mein Freund und ich, eine Familie und ein paar weitere Männer und Frauen blieben am Feuer sitzen. Um uns herum lagen kleine und grosse Steine, selbst die Disteln, die überall wuchsen, hatte ich in der Dunkelheit für Steine gehalten. Als wir angekommen waren und einen kleinen Hang hochklettern mussten, wollte ich mich an ihnen festhalten, aber sie zeigten mir mit ihren Dornen, dass es hier keinen Schutz gab.

Bei Sonnenaufgang lief mein Freund barfuss zum Strand zurück, um seine Schuhe zu suchen, die er beim Aussteigen verloren hatte. Als er sie nicht wiederfand, baute er sich Sandalen aus herumliegendem Holz. Alle waren bereit weiterzugehen. Doch schon nach einer Viertelstunde Fussweg ahnten wir, dass es schwierig werden würde, das Gebiet zu verlassen, auf dem wir gelandet waren. Die Bäume standen dicht an dicht. Ihre Äste versperrten uns den Weg wie Spinnweben.

Plötzlich sah ich einen Vogel. Frei flog er am Himmel. Neidisch schaute ich zu ihm hoch und sagte zu mir selbst: «Du bist frei, ich bin hier im Dilemma. Doch es gibt immer einen Weg oder eine Lösung. Ich muss nur meine Flügel ausbreiten.»

 

Unter einem Baum

Zwischen Griechenland und Mazedonien, Dezember 2012

Es ist kalt in dem kleinen Wald in der Nähe der Grenze, weit weg von den Einheimischen, neben der Gluthitze des Feuers unter einem Baum. Ja, ich war dort, lag unter diesem Baum im Gras, das mich mit seinem Tau bestrafte. Um das Feuer herum verteilt lagen meine Mitreisenden. Es war so kalt, dass sie wie zerknüllte Blätter aussahen. Die Kälte drang immer tiefer in uns ein.

Bald würde die Sonne aufgehen. Wir waren die halbe Nacht unterwegs gewesen. Wir mussten uns erholen und ein bisschen schlafen. Nach der langen Wanderung an den Büschen entlang auf den Hügel, nach dem langen Hoffen auf ein vorüberfahrendes Auto, nach weiterem Warten und Umherirren, nachdem wir ein Liebespaar in ihrem Auto auf einem menschenleeren und ruhigen Platz beim Liebesspiel überrascht hatten, nach der Entscheidung zu bleiben oder zurückzugehen, nach alledem brauchten wir ein bisschen Schlaf. Doch niemand konnte schlafen. Die ganze Zeit hörte ich die anderen, ihre undeutlichen Stimmen, als ob sie sich etwas zuraunten. Zwei arabisch sprechende Personen unterhielten sich weit von dem Feuer entfernt. Das kam mir merkwürdig vor. Ein Mann hustete stark. Er nahm eine Tablette, die aber keine Wirkung zeigte. Ein anderer war sehr wütend und schimpfte auf den Schlepper. Ich erinnerte mich an die letzten Worte, die dieser Schlepper an mich gerichtet hatte: «Bis jetzt ist niemand von meinen Passagieren im Wald geblieben.» Ich wollte auch über ihn schimpfen, aber ich wusste, dass das nichts nützte. Ob ich schimpfte oder nicht: Ich lag immer noch in dem Wald unter einem Baum und fror.

 

Der Weg

Zwischen Mazedonien und Serbien, Januar 2013

Die ganze Nacht hatten wir auf das Auto gewartet, aber es war nicht aufgetaucht. Wir bekamen es mit der Angst zu tun. Die Schlepper teilten uns mit, wir sollten wieder zurückgehen. Ich konnte nicht. Ich beschloss, mein Glück alleine zu versuchen.

Ich stand in dem unfertigen Haus am Fenster und sah durch die Dunkelheit, wie die anderen die Baustelle verliessen und sich von mir verabschiedeten. Sie entfernten sich Richtung Berg. Ich konnte nicht mit ihnen gehen. Mit meinem Übergewicht hätte ich es nicht noch einmal geschafft, den Berg hochzusteigen. Auf der anderen Seite der Baustelle entdeckte ich einen Weg, der mich vielleicht von diesem schrecklichen Dorf wegführen konnte. Ja, es war ein schreckliches Dorf. Ständig mussten wir vor Menschen weglaufen, die uns auflauerten, um uns auszurauben. Es war wie in einem Horrorfilm und wir waren die Opfer.

Als die Sonne aufging, lief ich nach draussen, verliess das Dorf und machte mich auf den Weg zur nächstgelegenen Stadt. Ich wusste nicht, was als Nächstes passieren würde. Ich wusste nur, dass ich dem Weg folgen musste.

 

Die Abendsonne

Serbien, Januar 2013

Auf der einen Seite der Strasse lag ein Dorf, auf der anderen eine Ruine, ein Hügel, Bäume und eine Aue.

Wir gingen durch die Aue und fanden ein Zelt aus Ästen und zerlumpten Kleidern. Links befand sich ein Hügel, rechts offenes Land. Der Schlepper würde in der Nacht kommen und uns zur Grenze führen, erzählte uns jemand. Einige sammelten trockene Äste für das Feuer, die anderen reparierten das Zelt. Wir warteten bis tief in die Nacht.

Auch am nächsten Tag war es noch sehr kalt, doch die Sonne und das Feuer wärmten uns auf. Am Nachmittag kamen noch einige Passagiere hinzu. Einer von ihnen erzählte, dass sehr viele Flüchtlinge letzte Woche hier übernachtet hätten. Es stünden noch viele weitere Zelte auf der anderen Seite des Hügels. Ein anderer erzählte, dass er dort gewesen sei, als eines Morgens die Polizei kam und viele der Menschen verhaftete, er aber habe fliehen können. Er war stolz auf sich.

Die Abendsonne strahlte am Himmel. Der Sonnenuntergang stand für ein neues Abenteuer, bedeutete aber auch, dass es kälter werden würde. Für uns war der Sonnenuntergang ein Neubeginn.

 

Der Mond

Serbien, Januar 2013

Ein veraltetes Gefängnis. Der Raum, in dem wir warteten, barg Geheimnisse in sich. Nackt wurden wir unter den Blicken der Gefängnisinsassen einer Leibesvisitation unterzogen.

Fünf Minuten Zeit zu duschen. Das Wasser kalt, dann wieder warm. Die dritte Etage. Eintritt in die Gefängniszelle. Ekelhaft. Essensreste, an den Wänden Schrift in verschiedenen Sprachen und Zeichnungen. Sechs kaputte Betten. Toilette in der Ecke. Ein kleines Fenster ganz oben gegenüber der Tür. In der Tür eine Öffnung, um das Essen durchzuschieben.

Traurigkeit machte sich breit. Wie würde die Zukunft aussehen? Würden wir zurückgeschickt oder würden wir freigelassen?

Bohnen zum Nachtessen. Appetitlosigkeit. Alle bereit zu schlafen. Matratzen auf dem Boden.

Ich liege im Bett und überfliege meine letzten Erinnerungen, während ich durch das Fenster den Mond anschaue.

 

Das Boot  

Zwischen Serbien und Ungarn, Januar 2013

Auf dem Weg war der Schlepper ganz entspannt. Er schien überhaupt nicht nervös zu sein, so als ob alles, was er tat, legal wäre. Wir liefen hinter ihm her, keiner sprach ein Wort. Die Route führte uns zwischen Häusern hindurch, an Wäldern und Hügeln vorbei und an nicht mehr befahrenen Eisenbahnschienen entlang, bis wir schliesslich an einen Fluss gelangten.

Später sassen wir in der Dunkelheit im feuchten Laub eines Gebüschs am Ufer und beobachteten eine Person, von der nur ihr Schatten sichtbar war. Die Person löste das Tau eines Bootes. Ein Schlepper. Ich versuchte sein Gesicht zu erkennen, wollte sehen, ob ihm ein bleiches Lächeln im Gesicht geblieben oder sein Blick schon verdüstert war.

Wir überquerten den Fluss zu zweit. Ich und eine weitere Person waren als letzte dran. Der Schlepper paddelte langsam. Als das Boot in der Mitte des Flusses trieb, war ich überwältigt von dem Anblick der Natur: das Mondlicht, die Bäume, die ruhige Stimme des Wassers. Ich wünschte mir, nie auf der anderen Seite des Flusses anzukommen.

 

Der Wald

Zwischen Serbien und Ungarn, Januar 2013

Der junge Schlepper ging fort und wir folgten einem anderen Schlepper mit zwei Hunden. Mal liefen wir schnell, mal gingen wir langsam zwischen Bäumen durch und schoben die Äste zur Seite.

Eine Stunde später gelangten wir zu einer Hütte. Der Schlepper sagte nur noch kurz etwas zu uns, dann war er verschwunden. In der kleinen Hütte sollten wir bis zum Sonnenaufgang warten. Es war sehr kalt, überall lag Holz herum.

Im Morgengrauen kam eine schlanke Person mit einem Auto auf uns zu. Wir stiegen ein. Zwei Personen mussten in den Kofferraum, vier sassen vorne. Ich sass auf der Rückbank und schaute in den Wald. Er war neblig, sah unglücklich aus. Ich hingegen war froh. Das hier war das Ende meiner Reise. Wir waren auf dem Weg nach Österreich. Von dort aus würde ich mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die Schweiz weiterreisen. Eine Zukunft ohne ständige Anspannung, ohne Diskriminierung, ohne Angst. Als das Auto losfuhr, sagte ich dem Wald بدرود[i]

 

[i] Bedrod ist ein persisches Wort für Abschied, das nicht alltäglich vorkommt, sondern vor allem in literarischen Texten zu finden ist. Es drückt einen Abschiedsgruss aus, der nicht auf ein Wiedersehen hinzielt, sondern auf einen echten Abschied.

***
Hussein Mohammadi ist auch Maler. Das Gemälde "Das Boot", das wir hier zu seinen Kurzprosa-Texten veröffentlichen, stammt aus einer Serie von Bildern, die er 2016 gemeinsam mit den Texten in einer Ausstellung in Zürich gezeigt hat. Die Ausstellung fand mit Hilfe von Colors sans Frontières statt.

 

 

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