Lull mich ein!*

1.
Ich sitz’ in Berlin.
Ein wenig Schaumwein im Glas.
Es weht ein frischer Wind.
Ich schau’ einer Knarre in den Lauf.
Ich sitz’ in Berlin.
Keiner hat mich hier freudig empfangen.
Dafür lassen freudig mich zieh’n
Auch die unbekannten Passanten.
Ich sitz’ in Berlin.
Die Menschen ragen wie Meilen
In den Himmel. Alle eilen irgendwohin.
Ich bleibe. Mein Bahnhof heißt «Heulen».
Ich sitz’ in Berlin.
Frag die Liebste: Machen wir Sinn?
Ich bin sicher: Wir sind am Leben,
Und hör doch die Totenlieder.
Beim vorletzten Mal legte ich die Schlüssel in ihren Briefkasten zurück und schickte ihr nach einer Woche einen Strauß Lilien.
«Danke. Sehr schön.»
«Wovon sprichst du?»
«Ach, eigentlich von nichts.»
«Das Wichtigstе ist die Karte. War eine Karte dabei?»
Sie und ich lebten wie immer in verschiedenen Ländern.
In einem zufällig ausgewählten Online-Shop, auf einer zufällig nicht von mir ausgewählten Glückwunschkarte hatte jemandes fremde Hand in einer für uns beide fremden Sprache auf meine Bitte hin geschrieben: «You’re all I want.»
«Ja, da war eine.»
Dass sie so kurz angebunden war, brachte mich völlig durcheinander, und ich dachte, dass die Wörter womöglich ihren Sinn verlieren, wenn sie von einer fremden Hand geschrieben werden.
Später dachte ich, dass sie einfach nur erschöpft war, erschöpft davon, Nacht für Nacht Wörter zu erzeugen, um sie morgens in riesigen Müllsäcken auf die Straßen ihrer zahllosen Großstädte hinauszutragen.
Und erst viel später krümmte ich mich vor dem wahren Grund ihres kurzen «Ja, da war eine» als Antwort auf mein allumfassendes «all».
22.
In mein Herz bist du für immer gebannt
Als geliebter Mann und niemandes Braut,
Als Gottes Kälte und Teufels Gesang,
Und als Hochzeitskleid – ungebraucht.
Ohne dich bin ich überall fehl am Platz,
Ein Loch im Fenster, verklebt mit Müh und Not,
Eine Nachricht vom Krieg, die in einen Geburtstag platzt,
Ein Löffel, der brachliegt beim Abendbrot.
Nach vielen Jahren unserer Leben, die wir gemeinsam und doch einzeln verbracht hatten, gestand er mir zum ersten Mal seine Gefühle.
«You are all I want!» sagte er in der Küche beim gemeinsamen Morgenkaffee.
Warum gerade diese Worte und warum jetzt? Ich verstand es nicht.
Unter der Last eines einzigen Wortes mit drei Buchstaben, das auf meinen Rücken herabgestürzt war, krümmte ich mich.
Ich wollte in diesem Leben nicht alles für wen auch immer sein, nicht einmal für unsere Kinder, und auch nicht für sie.
Ich wollte nur ich selbst sein.
Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte.
Der Kaffee war ausgetrunken. Alle Pausen waren aufgegessen.
«Danke. Sehr schön», sagte ich.
Ich erinnerte mich an ihr «Ja, da war eine» und küsste sie verständnisvoll auf seine Lippen.
12.
Vor dir lebte ich nicht.
Jetzt Nach dir bin lebendig ich nicht.
Ohne dich – keine Kost.
In dir – nichts als Frost.
Die Erde ist nicht mehr rund.
Die Sonne – vom Brennen wund.
Die Tage sind lang wie Meilenpfosten.
Essen heißt: Wermut kosten.
Gott in Mode? Schon längst zu spät.
Die Seele: durch den Wolf gedreht.
Kriege ringsum und Schutt, zertreten.
Wer hat uns bloß hierhergebeten?
Ich möchte zerbröseln, zerfallen
Mich den Vögeln zum Fraß hinknallen.
Die Füße ins Himmelblau strecken.
Neugeboren die Welt entdecken.
Ganz gleich, wo das ist.
Wenn nur du dabei bist!
Eine Ära, in der man nicht Menschen kreuzigt, sondern Ideen.
In der Pseudosinne wie Stalaktiten über der Seele hängen.
Hier sollte man schweigen und leiden und bloß an Rettung denken,
Doch ich rühre im Kopf mit den Füβen dieses Liebesgetränk
Und widme dir noch ein Gedicht – du darfst drin dich versenken!
Das ist nicht mal mehr ein Laster, nein.
Es ist die Schwelle zu Verblendung und Teufelei.
Drum gedenke meiner am Tag meiner Nicht-
Geburt und lösch über dir das von mir entzündete Licht.
Bereits am Abend hatte sie mich gebeten abzureisen, aber natürlich nicht mit diesen Worten.
Wir mochten es, auf dem Fensterbrett in der Küche einander gegenüber zu rauchen.
An jenem späten und regnerischen Abend saß sie in einer dunklen Sonnenbrille mir gegenüber.
«Ich möchte mit dir befreundet bleiben», sagte sie, schaute mir in die Augen und blies mir Zigarettenrauch ins Gesicht.
Der Schatten des herabhängenden Efeus fiel auf ihre Wangenknochen, und diese krümmten sich.
Die Wippe, auf der wir beide alle diese Jahre hinauf- und hinuntergeschaukelt waren, war zum ersten Mal ins Gleichgewicht gekommen – mein verlogenes «Ich werde niemals erlauben» glich sich aus mit ihrem verlogenen «Wir werden befreundet bleiben». Wir erstarrten in der Luft, einander gegenüber, doch diesmal nicht für flüchtige Bruchteile endloser, glücklicher Sekunden wie früher, sondern für eine Nacht – so lang wie ein Jahr und ohne Träume.
Von den riesigen Regentropfen erschauerte im Blumenbeet die letzte Herbstrose. In ihrer Nähe stand ein gewöhnlicher Müllcontainer. Ich sah ihre Augen hinter der Brille und den Rauchwirbeln nicht, und ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ich las einfach die Aufschrift auf ihm:
«Berlin recycling. Gebt alles.»
In meiner Erinnerung ist sie genau so geblieben, auf diesem Fensterbrett – mit der dunklen Brille und einer Zigarette in der Hand, umrahmt von einem großen weißen Fenster wie auf Fotos aus alten Familienalben.
In meiner Erinnerung lag ich wie ein Jenga-Spiel auf dem Grund jenes schwarzen Müllcontainers.
Ich habe alles gegeben.
Ich fuhr im stickigen Liegewagen eines Zugs, der längst auf den Schrottplatz gehörte. In meiner Nähe klirrte ein Löffel nervös im Glas, das Glas klapperte an den Untersatz, der Untersatz an den Tisch. Am lautesten ratterte der neurotische Zug.
Alle in diesem Zug hatten genau das Gepäck dabei, zu dem sie in der Lage waren – bei manchen hatte alles in einer einzigen eleganten Tasche Platz gefunden, den meisten aber hatten drei Bettlaken nicht ausgereicht, und sie räumten andauernd wurstförmige, große Reisetaschen, aus denen die Innereien ihrer eingepackten Leben hervorquollen, wieder anderswo hin, wobei sie sich bemühten, den Durchgang für jene freizuhalten, die den Zug zu ihrem Glück oder Bedauern für immer verließen. Jeder in diesem Zug war auf seine Weise erschöpft, und jeder ruhte sich auf seine Weise aus. Jeder wusste, wo er eingestiegen war, aber niemand wusste, wo und wann er aufstehen musste, bis an der staubigen, grauen Anzeigetafel an der immer einen Spalt offenstehenden Tür in müden, roten Buchstaben der nächste Name des nächsten müden Menschen aufleuchtete. Ich erinnere mich nicht, wie lange ich unterwegs war, und ich erinnere mich nicht, dass in diesem Zug je irgendetwas anders gewesen wäre.
Wie alle um mich herum hatte ich mich auf eine lange Reise eingerichtet, und wie alle um mich herum hatte ich meine Taschen noch nie bis auf den Grund geleert.
Sie saß mir schon lange gegenüber, aber wir hatten uns immer noch nicht vorgestellt. Sie hatte eine «Freitag»-Tasche bei sich, ich eine «Bob Basset». Ich betrachtete sie gern, und genauso gern betrachtete sie mich. Ich baute ganze Stockwerke an Mutmaßungen, wer sie wohl sein mochte, wo und mit wem sie aussteigen würde. Ich habe nie gewusst, woran sie baute.
Das nervöse Klirren verstummte langsam. Der Zug kam an einer winzigen Haltestelle zum Stehen. Hinter dem staubigen Fenster atmete der sonnenüberströmte Bahnsteig mit einer einzigen Holzbank für zwei. Kein Mensch weit und breit, kein Haus in der Nähe – nur Lavendelfelder mit fuchsiafarben gefleckten Kühen und Weinberge am Horizont. Auch der «Gelbe Pfeil» kann an paradiesischen Orten anhalten.
Auf der staubigen Anzeigetafel erschienen gemächlich uralte rote Buchstaben, die schon längst keinen Beifallssturm mehr erwarteten, und arrangierten ihre Leuchtkörper zu zwei Namen, von denen einer der meine war. So sonderbar und unerklärlich, mein Bestimmungsort!
Ich stand auf und nahm meinen noch nie bis ganz auf den Grund geleerten Rucksack. Sie stand mir gegenüber auf und nahm ebenfalls ihren Rucksack – wir stiegen beide hier aus.
Ja, deutlich früher als erwartet, keineswegs in der Gesellschaft, die unsere Eltern für uns vorgesehen hatten, und schon gar nicht an dem Ort, den wir in unserer Jugend erträumt hatten: Aber irgendwer, den wir nie gekannt oder gesehen hatten, hatte uns beiden beschieden – und sei es nur durch ein paar müde rote Buchstaben auf einer Anzeigetafel –, diesen Zug genau hier und jetzt für immer zu verlassen.
Uns erwartete ein gemeinsamer Bestimmungsort – wir konnten uns ihm nicht entziehen, so groß unsere Angst auch war. Wir konnten nicht an ihm vorbeifahren, so sehr wir es vielleicht gewollt hätten.
Sie schlief noch immer und ich schon lange nicht mehr. Ich streichelte ihre ohnehin glatte und hohe Beethovenstirn glatt und schob auf dem Kissen ihre schwarzen Locken hin und her, Haar für Haar, ohne Unterlass und Hast, ohne Leidenschaft und Verlangen, ohne Ziel und Zeit – ich musste nirgendwohin mehr fahren und brauchte mich nicht mehr zu beeilen. Ich war angekommen!
Sie öffnete die Augen.
«Hallo», sagte ich an unserem ersten gemeinsamen Morgen zu ihr. «Genug geschlafen! Wir beide sind angekommen!»
*Das zweisprachige Buch (Russisch und Deutsch) von Liliia Zhernov mit dem Titel Баттер Me Up! \ Lull mich ein! (Übersetzung: Daniel Henseler) erschien Ende September 2026 im Verlag Zeitkind.
