ANKUNFT*

Wie viele Wege habe ich so zurückgelegt
Jetzt bin ich im Herzen Graubündens
Der Stadt, die sich vom Abhang des Engadin her erstreckt
Bin aus der Mitte der Römer gekommen
Habe von Schreibern überlieferte Erlasse mitgebracht
Vielleicht ist endlich die Zeit gekommen, deine Zufälle zu verwirklichen
Wer weiß, vielleicht ist jetzt der Herr meines Herzens hier
Oder meiner Tage voller Kummer
Diese Stadt nennt man also Chur
Ringsum von Bergen umgeben
Und wenn ich diese Sicht nicht seltsam vorkäme
Erschiene sie mir wie ohnmächtig
Wie die meisten Gesichter, in die ich geschaut habe, wenn auch unabsichtlich
Wie eine Wiederholung der Geschichte
Ich fürchte, mit diesem Gefühl finde ich keine Zuflucht in dieser Stadt
Ach schaut, was ist denn das
Man hört das Geräusch von Wassertropfen, wie von Tränen
Das kommt vom Lucrezia-Brunnen, bei dem ich angehalten habe
Sie war einst ein Ausbund an Tugend und Zierlichkeit
Vielleicht verliert sich durch diesen Zufall
Mein innerer Zweifel an der Liebe
Ich weiß ja, dass in vielen Erzählungen
Tränen beim Widerstand gegen Brutalität als Beweis gelten
So viele Menschen haben dieses Martyrium erlebt
Deine Neugier und dein Entdecken ergeben sich zwangsläufig
Oder man sieht sie als Grund an
Für deine Treue und dein Verlassen
Trotzdem stört den Menschen wie Lärm
Die Streiterei und das Geschwätz des Vorübergehenden
Ein Mann mit einem Stift in der Hand steht da
Ich sage zu mir: was kräht diese Elster so laut
Damit jeder seine Männlichkeit erkennt
Streut er ständig Worte um sich aus
Ich nähere mich neugierig, ohne dass er es bemerkt
Wenn ich nicht falsch verstanden habe, heißt er Ishaan
Nun habe ich verstanden, ok
Du heißt also Ishaan, das bedeutet, du suchst dich selbst
Wenn das so ist, geh zum Bischof und lass dich lehren
Oder wenn dir diese Menschenmenge behagt
Geh auf den Friedhof, quasi das angehaltene Herz dieser Stadt
Damit du dein Ego in dir begräbst
Damit du die Einzigartigkeit verstehst, die als Ersatz im Menschen liegt
Sonst ist es unmöglich
Sonst kann ich deine unbegründete Heiterkeit nicht ertragen
* Seit 2023 arbeiten Azad Şîmmo und Giana Olinda Cadonau zusammen an einem zweisprachigen lyrischen Narrativ, einem modernen Epos, das zwei Figuren darstellt und evtl. zusammenbringt: Eine Frau aus der Türkei und einen Mann aus Indien. Beide treffen sich am Ende des ersten Teils in Chur, wo sie nach ihren Reisen gelandet sind. Das hier veröffentlichte Gedicht stellt diese Szene dar. Das lyrische Narrativ ist als Trilogie unter dem Titel «Frau, Leben, Freiheit» geplant.
