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Es ist ein hartes Schicksal, ein Dichter zu sein

von Usama Al Shahmani

Im Zug nach Zürich sass ich neben einem Jungen. Auf seinem Handy spielte er ein Video. Es zeigte eine grosse Menge junger Frauen ohne Kopftuch und Männer, meist sportlich bekleidet. Die Gesichter auf dem Handy wurden immer mehr, die Menge wuchs mit jeder Sekunde und dehnte sich auf der Fläche eines Flughafens aus. Im Hintergrund des Videos schrie eine Frau ein paar Worte, die ich nicht verstand. Es waren Afghanen und Afghaninnen, die auf der Fläche des Kabuler Flughafens auf amerikanische Flugzeuge warteten. Ab und zu kam die Kamera nah an ein Gesicht. Manche sprachen englisch. Ihre Sätze waren erschöpft und voller Verzweiflung und Hilflosigkeit. Ich verspürte irgendeine unerklärbare Verbundenheit mit dem fremden jungen Mann, der neben mir sass. Ich wollte ihn ansprechen, tat es aber nicht. Die Ansage des Zuges unterbrach meine Gedanken. „Nächster Halt: Zürich Hauptbahnhof.“

Ich stieg aus und sagte mir, was für ein Zufall! Am Tag, an dem ich Jafar Sael treffen möchte, widerfährt mir diese Begegnung. Jafar, der junge afghanische Dichter, der vor ein paar Jahren in die Schweiz geflohen war, weil er Schutz vor den radikalen Taliban in seinem Heimatland Afghanistan suchte. Nun wartete er in einem Café in der Nähe des Bahnhofs auf mich. Jafar schreibt Gedichte, trägt in seinem Inneren eine grosse Hoffnung und träumt von der Freiheit.

Unterwegs zu dem Café, in dem ich ihn treffen würde, beschäftigte mich der Gedanke der Flucht und wie die Heimat so eng sein kann, dass ein Mensch auf den Abflug eines Flugzeugs wartet, um sich daran zu klammern. Was für ein Augenblick, der zwischen totaler Verzweiflung und Hoffnung liegt. Wie kann man die Zeit dieses Dazwischen messen? Wie können wir die Dinge in diesem Augenblick verstehen? Werden sie überhaupt verstanden? Hat die Sprache die Fähigkeit, solche Augenblicke zu schildern? Was sucht Jafar in der Sprache, wenn er Gedichte schreibt? Sucht er das Wort, das das Ereignis beschreibt, oder geht es ihm darum, eine Sprache für die Beschreibung zu formen? Was für eine schwierige Aufgabe, ein Dichter zu sein.

Im Café sassen Jafar und ich uns gegenüber. Wir sprachen über Politik, Literatur und Sprache. Ein mutiger, junger Mann, der mir von Anfang an das Gefühl vermittelte, dass er mit seiner Sache sicher klarkommt. Auch wenn sein Tempo der unbeschreiblichen Hektik der Stadt Zürich absolut widerspricht. Es gefällt mir, wie er mit der Sprache umgeht. Er las mir einige seiner Gedichte auf Deutsch, aber auch auf Persisch vor. Wir arbeiteten zusammen an seinen Texten und mir wurde immer mehr klar, wie er mit seiner Sprache verschmilzt, wenn er seine Gedichte auf Persisch vorträgt. Seine schwarzen Augen leuchten und seine Hände hören nie auf, sich zu bewegen. Wie ein Dirigent, der vor seinem Orchester steht.

Seit dem ersten Treffen hatten wir bis heute immer mehr Begegnungen, um in der Sprache seiner Gedichte weiterzugraben und an seinen Texten weiterzuarbeiten.

An dieser Stelle möchte ich dem Team von Weiter Schreiben danken, denn sie haben mit ihrem Projekt Räume für Dichter und Dichterinnen geschaffen, in denen sie ihr Schriftstellersein im Exil weiterführen können.

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