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ANKUNFT*

Azad Şîmmo
Übersetzung: Barbara Yurtdas
© Deldar Felemez, Beyond the Borders, 50 x 30 cm, Tinte auf Karton (2026)
© Deldar Felemez, Beyond the Borders, 50 x 30 cm, Tinte auf Karton (2026)

 

Wie viele Wege habe ich so zurückgelegt

Jetzt bin ich im Herzen Graubündens

Der Stadt, die sich vom Abhang des Engadin her erstreckt

Bin aus der Mitte der Römer gekommen

Habe von Schreibern überlieferte Erlasse mitgebracht

Vielleicht ist endlich die Zeit gekommen, deine Zufälle zu verwirklichen

Wer weiß, vielleicht ist jetzt der Herr meines Herzens hier

Oder meiner Tage voller Kummer

 

Diese Stadt nennt man also Chur

Ringsum von Bergen umgeben

Und wenn ich diese Sicht nicht seltsam vorkäme

Erschiene sie mir wie ohnmächtig

Wie die meisten Gesichter, in die ich geschaut habe, wenn auch unabsichtlich

Wie eine Wiederholung der Geschichte

Ich fürchte, mit diesem Gefühl finde ich keine Zuflucht in dieser Stadt

 

Ach schaut, was ist denn das

Man hört das Geräusch von Wassertropfen, wie von Tränen

Das kommt vom Lucrezia-Brunnen, bei dem ich angehalten habe

Sie war einst ein Ausbund an Tugend und Zierlichkeit

Vielleicht verliert sich durch diesen Zufall

Mein innerer Zweifel an der Liebe

 

Ich weiß ja, dass in vielen Erzählungen

Tränen beim Widerstand gegen Brutalität als Beweis gelten

So viele Menschen haben dieses Martyrium erlebt

Deine Neugier und dein Entdecken ergeben sich zwangsläufig

Oder man sieht sie als Grund an

Für deine Treue und dein Verlassen

Trotzdem stört den Menschen wie Lärm

Die Streiterei und das Geschwätz des Vorübergehenden

 

Ein Mann mit einem Stift in der Hand steht da

Ich sage zu mir: was kräht diese Elster so laut

Damit jeder seine Männlichkeit erkennt

Streut er ständig Worte um sich aus

Ich nähere mich neugierig, ohne dass er es bemerkt

Wenn ich nicht falsch verstanden habe, heißt er Ishaan

 

Nun habe ich verstanden, ok

Du heißt also Ishaan, das bedeutet, du suchst dich selbst

Wenn das so ist, geh zum Bischof und lass dich lehren

Oder wenn dir diese Menschenmenge behagt

Geh auf den Friedhof, quasi das angehaltene Herz dieser Stadt

Damit du dein Ego in dir begräbst

Damit du die Einzigartigkeit verstehst, die als Ersatz im Menschen liegt

Sonst ist es unmöglich

Sonst kann ich deine unbegründete Heiterkeit nicht ertragen

 

 

* Seit 2023 arbeiten Azad Şîmmo und Giana Olinda Cadonau zusammen an einem zweisprachigen lyrischen Narrativ, einem modernen Epos, das zwei Figuren darstellt und evtl. zusammenbringt: Eine Frau aus der Türkei und einen Mann aus Indien. Beide treffen sich am Ende des ersten Teils in Chur, wo sie nach ihren Reisen gelandet sind. Das hier veröffentlichte Gedicht stellt diese Szene dar. Das lyrische Narrativ ist als Trilogie unter dem Titel «Frau, Leben, Freiheit» geplant.

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