Hussein Mohammadi und Julia Weber tauschen sich über Schreibstrategien aus, darüber, wie sie mit ihren Figuren sprechen und sie zurücksprechen lassen, und darüber, wie sie sich die nötige Zeit nehmen, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen.

ABER DAS LICHT

von Julia Weber

Hussein trägt ein Hemd mit einem komplizierten Muster, schwarze, kleine Felder auf einem weissen Grund, seine Hände bewegt er langsam und um das, was er sagen will, noch ein bisschen mehr zu sagen, weil es gesagt werden muss, von ihm.

Wenn er lacht, gibt es ein Kindergeburtstagsfest in seinem Gesicht.

Wir sitzen in Zürich am Hauptbahnhof an einem silbern glänzenden Tisch.

Wir trinken Coca-Cola.

Die Schrift über dem Eingang des Cafés blinkt in Violett, Grün, Rot.

Auf den Gleisen stehen die Züge still.

Gerade verschwindet das letzte Sonnenlicht.

Es wird blau.

Und Hussein sagt, vielleicht klinge es seltsam, vielleicht nicht zu fassen für Menschen, die so eine Reise nie gemacht hätten, aber er würde diesen Weg, den er gegangen ist von Griechenland nach Mazedonien, Serbien, bis in die Schweiz, er würde diesen unmöglichen Weg wieder gehen. Er gehöre zu seinem Leben, sagt er, und die serbische Landschaft sei wunderschön gewesen.

Früh im Morgen der Nebel in den Birkenwäldern.

Sonnenlicht nach einer sehr dunklen und sehr kalten Nacht.

Der Mond, sein weiches Licht.

Angst habe er oft gehabt.

Aber das Licht.

Um uns herum sitzen Menschen in feinen, cremefarbenen und roten Kleidern und trinken farbige Getränke aus hohen, schmalen Gläsern, sie tragen Ringe an den Fingern und es riecht nach Parfum, den Gleisarbeiten, dem Herbst. Menschen tragen Taschen, reden über das Wetter, über Deutschland oder das Leben.

Und Hussein sagt, er wolle malen, er wolle schreiben, das sei alles. Das sei alles für ihn. Er setze sich hin nach der Arbeit, male ein Bild, in Öl.

Er setze sich hin und habe den Kugelschreiber in der rechten Hand, drehe ihn. Er rede mit seinen Figuren, manchmal frage er sie, was sie eigentlich tun würden, was sie wollten, was zu erzählen möglich wäre, ob es ihnen gut gehe. Manchmal singe er, manchmal murmle er, bewege den Kugelschreiber, drehe ihn zwischen den Fingern. Manchmal rede er mit Figuren, die nur ein halbes Gesicht hätten, sie hätten einen Mund und oben dann nichts mehr. Sie würden reden und er bewege den Kugelschreiber und irgendwann dann beginne er zu schreiben, dann habe er diesen Zustand, diese Stimmung, dann beginne es.

Das seien die schönsten Momente seines Lebens.

Hussein schaut mich an und lacht und mit dem Lachen öffnet sich sein Gesicht, ist ein Haus mit offenen Fenstern, offenen Türen. Wenn er schweigt, das Lachen endet, dann gehen die Fenster und Türen langsam, vorsichtig wieder zu.

Ruhe.
Hussein denkt.

Neben uns fahren Züge Richtung Norden.

Hussein Mohammadi und Julia Weber